Sechs vor zwölf: 'Countdown to Zero' Blu-ray Review


Es ist sechs vor zwölf. Ja, das ist es jeden Tag, könnte man nun meinen. Doch damit ist nicht etwa die normale Uhrzeit gemeint, sondern die 'Doomsday Clock', die aktuell auf 11.54 Uhr steht. 2007 stand sie das letzte Mal auf fünf vor zwölf, Gott sei Dank haben wir seitdem wieder eine Minute gewonnen. Denn eine Minute ist auf dieser Uhr so kostbar wie für die meisten ein Jahrzehnt. Sechs Minuten bleiben uns also noch bis zum nuklearen Holocaust, den jeder fürchtet, gegen den aber kaum einer etwas wirklich unternimmt. Countdown to Zero versucht hier ein Zeichen zu setzten. Das Dokument, das Lucy Walker uns hier präsentiert, ist dabei noch erschreckender als die symbolische Kraft der Doomsday Clock. Denn was ihr Film zeigt hat weniger symbolischen, als vielmehr faktischen Charakter. Was, wenn es al-Qaida oder anderen Terrororganisationen eines Tages gelingen sollte, an nukleares Material oder gleich an eine fertige Atombombe zu gelangen? Was, wenn die Technik oder der Mensch versagen und die erste ICBM in die Luft steigt? Was, wenn eine Situation falsch eingeschätzt wird und die Welt als Konsequenz mit Atompilzen überzogen wird?

Es gibt viele Filme, denen man ungern zuschaut, aber bei Dokumentationen des wahren Lebens, wiegt das gleich doppelt so schwer. Countdown to Zero versucht erst gar nicht zu schönen, sondern rückt von Minute eins an mit den harten Fakten heraus, die für immer wieder für reichlich Gänsehaut sorgen. Mit einem Rückblick zu allen großen Terroranschlägen der letzten Jahre zeigt Walker, in welcher Welt wir leben und macht damit gleichzeitig deutlich, wie wichtig es ist, dass jene Länder, die über Atomwaffen verfügen – und das sind einige (Deutschland wurde allerdings vergessen, auch wenn diese nicht unter deutschem, sondern unter NATO-Kommando stehen) – diese auch so gut wie möglich sichern. Nicht, dass diese Waffen überhaupt von Nöten wären, aber dass man die geschätzten 23.500 Atomwaffen, die es aktuell auf der Welt gibt, nicht von heute auf morgen vernichten kann, versteht sich dabei von selbst. Das sieht auch Walker ein, muss sie, denn ihre Schlussforderung, dass die Welt auf genau null Atomwaffen reduzieren muss, ist nahezu utopisch. Auch wenn immer wieder Fortschritte gemacht werden.

Und obwohl die Intention des Filmes eine äußerst lobenswerte ist, ist Countdown to Zero weniger aufschlussreich als man auf den ersten Blick meinen könnte. Denn wer nicht völlig politisch uninteressiert ist oder seit Jahren keine Nachrichten mehr gesehen hat, dem sind viele Vorfälle und Fakten schon bekannt. Nicht, dass es die Wirkung des Filmes schmälern würde, aber der Informationsgehalt der Dokumentation hält sich somit zumindest für diese Rezipienten in Grenzen. Auch von vielen der beinahe-Apokalypsen, die Countdown to Zero anführt, hat man schon mal gehört. Für diejenigen, die sich mit der Thematik Atomwaffen und atomarer Holocaust aber noch nicht größer auseinander gesetzt haben, für die ist Walkers Film eine äußerst gelungene Zusammenfassung der wichtigsten Fakten und Stationen. Über die Geschichte der Bombe wird allerdings nicht allzu viel erzählt, was etwas enttäuscht, denn gerade die Historie zeigt, wie gefährlich diese unbändige Kraft, die durch Menschenhand geschaffen wurde, doch ist. Robert Oppenheimer, von dem hier ebenfalls die Rede ist, hätte es sich wohl zwei Mal überlegt, hätte er gewusst, was 'seine' Erfindung eines Tages anstellen könnte.

Was Countdown to Zero letztlich aber für alle spannend macht, sind seine hochkarätigen Interviewpartner. Da plaudert Michail Gorbatschow beispielsweise über das atomare Wettrüsten und Jimmy Carter und sein damaliger Berater Zbigniew Brzezinski über beinahe-Katastrophen. Wenn man irgendetwas aus den Interviews mitnimmt, dann die traurige Tatsache, dass sich über die Jahrzehnte – egal unter welchen Staatschefs – nicht wirklich etwas getan hat, im Gegenteil. Tony Blair resümiert schließlich über die Gefahr von Atomwaffen in den Händen von Terroristen, und seien es nur schmutzige Bomben. Sowieso: Es macht keinen Unterschied, ob es das reine Material ist, das in die Hände von Terroristen gelangt oder eine ganze Bombe – wer hoch angereichertes Uran oder Plutonium hat, für den ist es ein Leichtes, es in eine Waffe umzuwandeln. Und genau hier wird der Film dann auch am bedrückendsten, nämlich wenn er zeigt, wie leicht man in den ehemaligen Ostblockstaaten an nukleares Material gelangen kann. Doch Countdown to Zero ist nicht nur an diese Staaten ein Appell, sondern an die gesamte Menschheit. Denn wenn nicht alle zusammen an einem Strang ziehen, dann wird die Uhr weiter vor-, aber nicht zurückgestellt. Und das ist dann unser aller Untergang. (7.5/10)

Die Blu-ray von Ascot Elite (Amazon-Partnerlink) kann sich trotz des vielen Archivmaterials mehr als sehen lassen, denn sowohl die vielen Interviews, als auch die Kamerafahrten über Metropolen wie New York und Washington erstrahlen in detailreichem, farbenkräftigem HD. Allein dafür lohnen sich die wenigen Euro mehr. Der Ton ist hingegen kein wirkliches Highlight, die Interviews und Voice-Overs sind zwar sehr gut verständlich, aber gerade in den düsteren Szenarien wäre ein druckvollerer Ton wünschenswert. Ebenso wünschenswert wären Untertitel für die nicht-englischsprachigen Interviews gewesen, denn schaut man den Film im Original ohne deutsche Untertitel, wird keine Fremdsprache untertitelt. Das ist natürlich sehr schade, denn man will ja nicht die ganze Zeit UTs ein- und ausschalten. Die Extras sind mit Trailern und einem drei-Minuten-Clip etwas dünn geraten.


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