'Melancholia' verschlingt alles – Weltuntergang ganz privat


Lars von Trier. Der letzte große Provokateur des europäischen Kinos. Bei der Premiere seines neuen Films Melancholia in Cannes sorgte er erneut für Schlagzeilen, da er sich selbst als Nazi bezeichnete und Verständnis für Hitler äußerte. Eine Aussage, aufgrund der er von der Festivalleitung prompt als 'persona non grata' des Festivals verwiesen wurde und die möglicherweise ein juristisches Nachspiel haben könnte. Man fühlt sich an von Triers vorheriges Werk Antichrist erinnert, das bei seiner Premiere in Cannes allein aufgrund seines Titels und wegen expliziter Sex- und Gewaltdarstellungen ebenfalls für einen Skandal sorgte. Ein derartiger Vorfall ist immer hilfreich, kleinere Produktionen mit wenig Marketing-Budget ins Gespräch zu bringen. Daher sollte man die jüngsten Äußerungen des Regisseurs nicht zu ernst nehmen, denn Melancholia bietet aufgrund seines Filminhalts wenig skandalträchtigen Zündstoff. Und doch ist er Antichrist ähnlich.

Wie Antichrist beginnt auch Melancholia mit einer filmischen Ouvertüre. Alles geschieht in Ultra-Slowmotion: 2001-anmutende Bilder des Weltraums, das teilnahmslos wirkende Gesicht Justines während im Hintergrund Vögel tot vom Himmel fallen, drei Menschen auf der weiten Rasenfläche eines Anwesens über dem drei Himmelskörper Licht spenden: die Sonne, der Mond und ein unbekannter bläulicher Planet. Nur einige Beispiele einer Aneinanderreihung inszenierter Kunstwerke, unterlegt mit dem Vorspiel von Wagners Tristan und Isolde. Es sind majestätische Bilder von geradezu hypnotischer Gewalt, die den Zuschauer ab dem ersten Filmframe in seinen Bann ziehen. Bis am Ende der 8-minütigen Eröffnungssequenz klar wird, dass es nichts anderes als der Weltuntergang ist, dem man beiwohnt: die Erde wird von dem um ein Vielfaches größeren blauen Planet gänzlich verschlungen.

Von Anfang an ist also klar: es wird nicht gut enden. Das ist auch gut so, denn es geht hier zu keiner Sekunde um die Frage, ob, und wenn ja, wie die Erde gerettet werden kann. Auch interessiert zu keiner Zeit, was im Rest der Welt vor sich geht, seien es nun Massenpanik oder abstruse, verzweifelte Rettungsaktionen. Hollywood-Klischees des Katastrophenfilms, die ein Lars von Trier gar nicht nötig hat. Nein, die zentrale Frage in Melancholia beschäftigt sich damit, wie einzelne Menschen mit dem sicheren Untergang und, in Anbetracht dessen, miteinander umgehen würden. Im Kern ist Melancholia eine Charakterstudie. Weltuntergang ganz privat.

Im Mittelpunkt stehen zwei Schwestern denen jeweils ein Teil des Filmes gewidmet ist: Justine und Claire. Zu Beginn scheint die Welt noch in Ordnung. Justine (Kristen Dunst) ist mit ihrem frisch angetrauten Mann Michael (Alexander Skarsgård) auf dem Weg zu ihrer Hochzeitsfeier auf dem Anwesen ihres Schwagers. Die lächerlich lange Stretch-Limousine bleibt in der gewundenen Auffahrt stecken und nachdem weder Chauffeur, noch Braut oder Bräutigam einen Ausweg finden, geht es zu Fuß weiter. So trifft das Brautpaar mit zweistündiger Verspätung, aber dennoch gut gelaunt auf ihrer eigenen Party ein. Was folgt ist eine zunächst anscheinend ganz normale Hochzeitsfeier. Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) versucht, den geplanten Ablauf durchzusetzen, während sich die geschiedenen Brauteltern (hervorragend Charlotte Ramping und John Hurt) gegenseitig angiften und Justines Schwiegervater und Chef nur daran interessiert scheint, eine neue Tagline für die Werbefirma aus ihr herauszukitzeln. Übliche Probleme einer Familienfeier eben.

Justine versucht ihr bestes, den Anschein der Normalität aufrecht zu erhalten. Sie tut was man von ihr erwartet: lächelt, nickt und betont stets, ja, es sei genau das, was sie sich gewünscht hätte. Doch schnell wird klar, dass all das nicht aufrichtig ist, sondern nur aufgesetzt. Justine leidet unter Depressionen und die Hochzeit scheint der letzte, hoffnungslose Versuch zu sein, Normalität in ihr Leben zu bringen. Schließlich ist es doch das Normalste auf der Welt zu heiraten. Dass der Abend im wahrsten Sinne des Wortes unter keinem guten Stern steht, ist dem Zuschauer nun ja schon von Beginn an klar und so wird es keine Überraschung sein, wenn der Rest der Nacht nicht in den vom Hochzeitsplaner (Udo Kier) vorgesehenen Bahnen verläuft.

Teil zwei trägt den Titel 'Claire' und verschiebt den Fokus der Handlung auf Justines Schwester. Inzwischen hat die Menschheit den Planeten entdeckt, der sich bis dahin hinter der Sonne verborgen gehalten hatte und nun auf die Erde zurast. Geht man zunächst noch davon aus, Melancholia würde die Erde nur passieren, müssen die Protagonisten bald die grausame Realität erkennen und gehen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem sicheren Ende aller menschlichen Existenz um.

Lars von Trier beweist sich erneut als Meister der Personenregie. Nachdem bereits Charlotte Gainsbourg für ihre Rolle in Antichrist den Preis für die beste weibliche Darstellerin in Cannes erhielt, wurde in diesem Jahr auch Kirsten Dunst diese Ehre zuteil. Einerseits überraschend, denn wer hätte ihr eine solche Leistung zugetraut? Und doch völlig zurecht. Zwar kann sie auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, schließlich litt auch sie einmal unter Depressionen, aber die Leichtigkeit mit der sie von vorgetäuschter Lebensfreude zu katatonischen Zuständen bis hin zur Lethargie wechselt, ist schlicht beeindruckend. Umso mehr, da ihr das gelingt ohne dabei das Publikum zu entfremden, was in Anbetracht einiger schwer verdaulicher Thesen, die von Trier ihr in den Mund legt, wahrlich kein Leichtes ist. Es ist nicht einfach eine derartige Figur darzustellen und gleichzeitig vielleicht nicht die Sympathie, aber zumindest das Mitgefühl des Publikums aufrechtzuerhalten.

Doch nicht nur Kirsten Dunst bietet eine beeindruckende Leistung. Als Gegengewicht zu Justine hat von Trier ihre Schwester Claire als ganz gegensätzliche Figur angelegt und mit Charlotte Gainsbourg auch sehr stark besetzt. Kiefer Sutherland als deren Gatte und Mann der Wissenschaft rundet die hervorragende Figuren-Konstellation ab. Es sind diese fein ausgearbeiteten und unterschiedlichen Charaktere, die trotz des eigentlich bekannten Ausganges die Spannung konstant hoch halten und es schließlich dem perfekten Schlussbild, das sich sicher noch lange im Gedächtnis der Zuschauer halten wird, ermöglichen, seine starke Wirkung zu entfalten.

Lars von Trier als prätentiös und selbstverliebt zu bezeichnen wäre sicherlich falsch. Zwar bestehen Ähnlichkeiten zu den Filmen der Dogma-Bewegung, allen voran zum dänischen Film Festen, doch eben diese Bewegung hat er selbst mitbegründet. Parallelen zu Antichrist sind sowohl stilistisch als auch inhaltlich unbestreitbar. Natürlich beschäftigt er sich in Melancholia auch mit sich selbst und verarbeitet seine eigenen Depressionen. Dies ist ihm sicherlich besser oder zumindest nachvollziehbarer gelungen als mit Antichrist und verleiht dem ausgezeichneten, gut recherchierten Drehbuch einen Eindruck von Authentizität und Aufrichtigkeit. Besonders in Justine dürfte von Trier viel von sich selbst eingeflossen lassen haben. Daher ist es demjenigen, der am Mensch von Trier interessiert ist möglich, auch ihn etwas besser zu verstehen.

Melancholia ist bei aller inhaltlicher Schwere ein erstaunlich 'schöner', geradliniger und zugänglicher Film geworden, unter dessen Oberfläche es viel zu entdecken gibt. Wenn man sich traut nur ein wenig an ihr zu kratzen, tun sich unzählige Interpretationsmöglichkeiten auf. Melancholia ist ein Filmerlebnis von unglaublicher Kraft und emotionaler Resonanz. Ein erstaunliches und großartiges Stück Kino. Einer der besten Filme des Jahres. Eine Erfahrung. Ein Meisterwerk. (10/10)

- Kritik von Christoph Gumpert


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Mondaufgang über dem Meer: 'Melancholia'


Wer vollkommen unberührt an den Film herangehen will, der sollte hier nicht weiterlesen, denn auch wenn der folgende Text keine expliziten Spoiler enthält, könnten einige interpretatorische Ansätze doch etwas zu viel vom Film vorweg nehmen.

Lars von Trier. Das enfant terrible des europäischen Autorenkinos. Das hat er vor einigen Monaten auch in Cannes wieder deutlich gemacht, wo sein Film Melancholia Premiere feierte. Am verwunderlichsten ist dabei ja eigentlich die Tatsache, dass es noch immer Medienvertreter gibt, die das alles wirklich bierernst nehmen, was der Gute von Trier da so von sich gibt. Der Rest weiß jedoch, dass das eine Mischung aus eiskaltem Kalkül und Kokettierens ist. Und nach Antichrist brauchte er für Melancholia vielleicht eine gewisse mediale Aufmerksamkeit, denn sein neuer Film kann weder mit perverser Gewalt, noch mit Hardcore-Sex-Szenen von sich reden machen. Im Gegenteil. So viele Gemeinsamkeiten Melancholia mit seinem Vorgänger Antichrist auch hat, so viele Unterschiede gibt es auch. Von Triers neues Werk setzt weniger auf Provokation, als vielmehr auf ruhige, aber dennoch deutlich wahrnehmbare Töne. Bei alledem scheint Melancholia schon viel mehr der Film zu sein, in denen von Trier seine angeblichen Depressionen verarbeitet als Antichrist. Dieses Mal ist es nicht der Untergang eines Ehepaares, das seinen Sohn verloren hat, sondern der Untergang der gesamten Menschheit, das Jüngste Gericht sozusagen.

Am Anfang sehen wir die beiden Schwestern Justine (Kirsten Dunst) und Claire (Charlotte Gainsbourg) in jener extremen Zeitlupe, die von Trier schon in Antichrist bis zum Exzess einsetzte. Sie scheinen vor etwas zu flüchten, doch wir wissen nicht was. Dazu hören wir Wagnersche Klänge aus dem Vorspiel von Tristan & Isolde. Nun weiß man, dass man im Arthousekino sitzt. Nach dieser Exposition Marke Antichrist beginnt dann auch eine normal anmutende Geschichte über ein frisch vermähltes Ehepaar, das sich auf dem Weg zu seiner Hochzeitsgesellschaft befindet. Die Limousine, in der sie sich befinden, ist zu lang, der Fahrer schafft es nicht um die Kurve, ohne den Wagen ins Abseits zu setzten. Da nimmt kurzerhand die Braut das Steuer in die Hand und manövriert die drei sicher zum abgelegenen Landhotel, in dem die Gäste schon warten. Es ist eine kurze Episode, die wie aus einer typischen Hollywood RomCom anmutet. Es geht dann auch eine gewisse Zeit lang so weiter: Vater (John Hurt) und Mutter (Charlotte Rampling) der Braut sind geschieden und giften sich an, die Schwester und ihr Mann (Kiefer Sutherland) sind mit Organisatorischem beschäftigt und jeder hofft, dass das alles so gut wie möglich über die Bühne geht. Nur der Wedding Planner (Udo Kier) hat schon resigniert.

Die Melancholie des Ganzen kommt dann aber recht schnell auf den Zuschauer zu, denn dass mit Justine irgendetwas nicht stimmt, wird spätestens dann deutlich, wenn sie am Tag ihrer Hochzeit fremdgeht. Melancholia ist dabei über lange Zeit fast schon ein Kammerspiel, das seine Figuren nicht aus dem Speisesaal respektive dem Landhotel entlässt. Zwar wechseln die Räumlichkeiten immer wieder, aber irgendwie sieht auch ein Raum aus wie der andere. Auch Justine sieht innerlich immer gleich aus, auch wenn sie sich äußerlich immer wieder perfekt verstellen kann und es perfekt schafft, die Maske aufrecht zu erhalten. Doch nur sie selbst ist es, die eines ganz sicher weiß: Das morgen schon die Welt untergehen wird. Sie hat schlimme Depressionen, ja, das wissen auch ihre Angehörigen und ihr Mann. Was sie aber nicht wissen, ist, dass Justine bereits am Tage ihrer Hochzeit vor dem Leben resigniert hat. Melancholia wird auf die Erde zurasen und alles zerstören, was man heute noch feiert. Das ist auch der Grund, weshalb Justine im Prinzip alles und jeder egal ist, und sie nur noch das macht, nach dem ihr ist. Sie sucht die Verbindung zur Natur (ja, wir sehen Dunst tatsächlich komplett nackt), die ihr aber auch keine positive Antwort geben kann. Der Untergang naht also, egal was Fachleute wie John (Sutherland) sagen.

Von Trier versucht sich mit Melancholia einmal mehr an religiösen Themenkomplexen. Und auch hier ist es wieder die Frau, die als eine Art Auslöser des Ganzen fungiert. Es ist bezeichnend, dass von Trier keine kirchliche Hochzeit, sondern nur den mondänen Teil, nämlich die Feier, zeigt, die im Grunde nur als Projektionsfläche für alle Beteiligten dient. Man merkt es seinem Film dabei stets an, wie bemüht von Trier doch ist, hier etwas noch Größeres, nahezu hermeneutisch Verschlossenes zu kreieren als Antichrist. Das größte Problem dabei ist aber genau diese Intention, die der Film verfolgt. Viele der Szenen wirken unglaublich redundant und ins Nichts führend, von ihrer teilweise unsäglichen Länge ganz zu schweigen. Der Cast macht dabei noch die beste Figur, allen voran natürlich Gainsbourg und Dunst. Und auch Sutherland, der eine größere Rolle spielt, als man anfangs meinen könnte, war selten so gut wie hier. Von Trier gelingt es dabei auch noch stärker seine Protagonistin zu einer Art Hassfigur zu machen – für die man dennoch auch Mitleid empfindet – als noch in Antichrist, denn Dunsts Figur nervt ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nur noch mit ihrer 'mir-alles-scheißegal-Attitüde'. Und auch der Film selbst verliert sich irgendwann in seinem eigenen Wahn, wenn Wagners Vorspiel zum achten Mal erklingt und uns nochmal eine prätentiöse Slow-Motion-Einstellung im Wald vor den Latz geknallt wird.

Es steht außer Frage, dass von Trier hier wieder ein äußerst interessantes Mammutprojekt auf die Beine gestellt hat, über das man noch lange reden wird und das sich auf sämtlichen Jahresbestenlisten finden wird. Die Klasse eines Antichrist erreicht Melancholia dann aber nicht wirklich, denn dafür schafft von Trier nicht wirklich etwas Neues, sondern ruht sich auf seinen alten Errungenschaften aus, die er einfach etwas weiterspinnt. Wenn der Film tatsächlich wegen etwas in Erinnerung bleiben und gelobt werden sollte, dann für Dunst und Sutherlands Leistungen, die wirklich großartig sind. Der Rest ist handwerklich perfektes, aber leider auch typisch prätentiös-schweres Autorenkino, das sich der breiten Masse verschließt, Kritikern aber nur zu gerne in die Hände spielt. Melancholia lohnt schließlich aber allein deshalb schon, weil man von Triers kreativen Output nur zu gerne verfolgt. Auch wenn der nicht immer nach Meisterwerk schreit. (7.5/10)


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US Trailer zu von Triers Weltuntergangsoper 'Melancholia'


Nach dem ersten Trailer zu Lars von Triers Melancholia im April, ist nun auch der US-Trailer erschienen (480p/720p/1080p), der den Film eigentlich ganz gut zur Geltung bringt und Gott sei Dank nicht allzu viel vorweg nimmt. Vor allem zeigt er einmal mehr, wie wunderschön die Kameraarbeit ist. Eine Kritik zum Film gibt es demnächst (ist ja noch etwas hin, denn der deutsche Kinostart wurde auf den 06. Oktober verlegt), bisher nur so viel: Antichrist ist der deutlich bessere Film, denn auch wenn ich Melancholia mochte, so ist er – wie der Name schon sagt – phasenweise wirklich sehr, sehr dröge und schleppend – pure Melancholie eben. Und das muss man mögen, dieses 'Depri-Kino'.


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Erster Trailer zu Lars von Triers 'Melancholia'


Ich habe zwar noch lange nicht alles von Lars von Trier gesehen, aber das, was ich von ihm kenne (sowohl als Regisseur, als auch als Drehbuchautor), ist äußerst interessant. Nach seinem genialen Antichrist würde ich sogar so weit gehen und ihn als einen der interessantesten europäischen Regisseure der Gegenwart bezeichnen. Im ersten Trailer zu seinem neuen Film, Melancholia (720p), sieht man viele Parallelen zu Antichrist, was unbedingt positiv zu verstehen ist. Der Cast an sich ist bereits ein Brett (Udo Kier als Wedding Planner!). Deutscher Kinostart ist am 29. September.

(Via @rrho)


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Red Dawn

Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull
(Steven Spielberg, USA 2008)
Kino

Fast 20 Jahre ist es her, dass der wohl bekannteste Mann mit Hut und Peitsche auf der Leinwand zu sehen war. Wenn Hollywood uns die letzten Jahre jedoch etwas gezeigt hat, dann, dass es für kein Held zu alt sein kann, um noch einmal auf die große Leinwand zurückzukehren. Eine Trilogie muss noch lange keine Trilogie bleiben, denn wieso sollte man es bei drei Teilen einer Serie lassen, wenn man auch noch einen vierten aus dem Hut (ha-ha!) zaubern kann? Klar freuen sich die Fans über so etwas, und dennoch muss man sich die Frage stellen, ob ein Sequel, wie es ja so schön heißt, manchmal wirklich von Nöten ist und ob es dem bisherigen Franchise nicht mehr schadet als es ihm nützt. Im Falle von The Kingdom of the Crystal Skull fällt die Antwort nicht ganz so leicht, wie ich es mir wünschen würde. So war ich auch nicht weiter betrübt, dass es in Stuttgart keine Pressevorführung zum Film gab, denn auch wenn ich ihn am Starttag gesehen habe, so hätte ich dennoch weiter warten können, hätten die Umstände den heutigen Termin nicht erlaubt. Das Franchise war für mich nie eines von übergroßer Bedeutung, denn dafür ist jenes von Lucas doch uneinholbar – aber Spielberg bewies damit endgültig, dass er das Blockbusterkino so beherrscht, wie kaum ein anderer.

Das zeigt Spielberg hier einmal mehr, denn das vierte installment der Abenteuerserie strotz nur so vor physikloser Action, vor humorvollen Dialogen und Klischeebeladenen Bösewichtern. Klingt alles nach einem typischen Abenteuer mit Indy (Harrison Ford)? Nein, leider nicht. Generell macht Spielberg fast alles richtig: Das Tempo ist Schwindel erregend, die Action fein dosiert und schön laut, die Dialoge amüsant und spitzfindig und der Cast bis auf John Hurt ein homogenes Ganzes. Am meisten kann Spielberg aber mit der prächtigen Optik und bis zu einem gewissen Grad sogar mit der Story punkten. Alles sieht herrlich nach 50's aus – LaBeouf kämt sich permanent seine Matte, die Musik stimmt und die 'Rote Bedrohung' wird schön aufs Korn genommen -, sodass man nicht von ungefähr ständig an diverse Invasions- und Monsterfilme aus dieser Periode denkt. Was damals für die Bedrohung aus dem Sowjetblock stand, waren große Monster, geheimnisvolle Viren oder Aliens. Für was sich Spielberg entscheidet, will ich an dieser Stelle jedoch nicht verraten, nur so viel: Selten war der Einsatz dieser lächerlicher. Nicht der einzige, wenn auch der größte, Fehler, den Spielberg hier begeht.

Wirkt das Logo Paramounts, schön im Retrostil gehalten, zu Beginn noch herrlich komisch, wenn es in einen Erdmännchenhügel übergeblendet wird, so kommt kurze Zeit später schon wieder die Ernüchterung. Spielberg setzt in Sachen Humor nämlich häufig auf Tiere, die nicht nur animiert sind (so wirken sie zumindest), sondern auch alles andere als lustig sind. Nicht etwa, dass Tiere in der Reihe nichts zu suchen hätten, nein, nur hat Slapstick hier nichts zu suchen – und genau dieser findet sich in genügend dieser Szenen. So etwas ist nicht Teil der Reihe, so etwas ist schlicht und ergreifend fehl am Platz. Indiana Jones lebt von seinem Dialoghumor und seiner charmanten Situationskomik, nicht aber von Slapstick, die bisweilen wie aus einem Film aus der Schmiede Zucker-Abrams-Zucker wirkt. Ist das gerade noch so zu verkraften, schießt Spielberg dann spätestens mit der Entsagung jeglicher physikalischer Kräfte den Vogel ab. Wie anfangs erwähnt, wäre das nicht weiter schlimm, würde es sich auf das Gewohnte beschränken, nicht aber, wenn Indy und Co. drei Wasserfälle im Auto hinunterfallen und bis auf nasse Klamotten nichts zu bemängeln haben (vor allem sitzen sie noch immer im Auto). War es in der bisherigen Serie stets das religiös-mystische, dem Dr. Jones auf den Fersen war, so ist es das hier auch, nur ist das, was dahinter steckt ohne Spoilern zu wollen deutlich – sagen wir – anders. Leider im negativen Sinne…

So gefällt die erste Hälfte dann auch deutlich besser – inklusive oft kritisiertem Einsatz eines Kühlschrankes -, denn hier kommt nicht nur viel mehr Serienfeeling auf (ja, das findet sich hier glücklicherweise zuhauf) – auch Williams' Score trägt dazu einmal mehr signifikant bei -, sondern auch ein Wiedersehen mit alten und neuen Bekannten. Dass Ford älter geworden ist, sieht man ihm kaum an, denn dafür macht er seine Sache immer noch viel zu gut, wie auch sein Filmsohn Shia LaBeouf, der das Franchise nicht nur laut Internetgerüchten fortführen darf, sondern auch laut Filmende. Dieses ist zwar Hollywoodtypisch wie wohl nur wenige andere Spielbergs geworden, aber auch wenn ich nur einen oder zwei TV-Filme gesehen habe, so war ich dennoch von Young Indiana Jones angetan. Sicher ist aber auch, dass es einen weiteren Eintrag im Indiana Jones-Universum nicht bedarf. Ein schlechter Film ist The Kingdom of the Crystal Skull nicht, auch in Hinsicht auf die bisherigen Teile, nur ist er nicht nur unnötig, sondern ist dem Hype auch alles andere als gerecht geworden. Dann fast lieber noch mal Star Wars: Episode I – The Phantom Menace. (7/10)


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