Mormonen, Sex-Spielchen und der Boulevard: 'Tabloid'


Dass Schönheitsköniginnen und Missionare im Dienste der Mormonen nicht unbedingt eine gute Paarung sind, dürfte jedem bewusst sein, der einmal mit einem der beiden Typen Mensch in Kontakt gekommen ist. Der einen geht es um den Erfolg und ihr Äußeres, dem anderen um das Leben nach dem Tod, wenn er schließlich zur Gottheit werden soll. Gegensätze ziehen sich bekanntermaßen ja aber auch an. Manchmal zumindest. So auch im Falle von Ex-Miss Wyoming Joyce McKinney und dem jungen mormonischen Missionar Kirk Anderson. Angeblich war es Liebe auf den ersten Blick, so stellt es zumindest Joyce McKinney dar, der sich Errol Morris' jüngste Doku Tabloid annimmt. Doch es ist nicht nur McKinneys Sicht der Dinge, der Morris Platz einräumt, es sind auch die 'Mitverschwörer' und englische Journalisten, die zu Wort kommen und ihre Version der Geschichte erzählen. Letztere sind für den Skandal, der eigentlich keiner ist, darf man McKinney glauben, maßgeblich verantwortlich, lieferten sich Daily Mirror und Daily Express doch eine erbitterte Schlacht um den vermeintlichen Mormonen-Sex-Skandal, der alles beinhaltete, was der Boulevard so liebt: Eine hübsche junge Frau, eine Entführung, Vergewaltigung und diverse Sexspielchen. Während sich die Regenbogenpresse mit Schlagzeilen versucht gegenseitig zu übertrumpfen, ist der Leidtragende wie immer das Objekt der Begierde (hier sogar buchstäblich).

Morris' Film beginnt mit der Version Joyce McKinneys, die ausführlich zu Wort kommen darf und der man ob ihrer Emotionalität sofort jedes Wort glauben mag. Sie habe natürlich gewusst, dass sein Glaube ein Hindernis sei, aber es sei doch schließlich Liebe gewesen. Liebe, die Kirk erwiderte – bis er nach England als Missionar abberufen wurde und dort laut McKinney einer Art Gehirnwäsche unterzogen wurde. Da beschloss sie kurzerhand nach England zu fliegen und ihn mit einigen Gehilfen zu entführen (inklusive einer Fake-Pistole) – beziehungsweise zu befreien. Danach gaben sie sich auf einem Landsitz einige Tage der Lust hin. Und von dort an gab es natürlich kein Zurück mehr für den jungen Mormonen. Schon bald sollte auch der Boulevard davon Wind bekommen, denn schließlich wurde McKinney mit Haftbefehl gesucht und letztlich auch geschnappt. Bis hierhin sind die Geschichten aller Parteien auch nahezu deckungsgleich. Doch als wäre diese Geschichte noch nicht verrückt genug, sollte der ganze Skandal noch deutlich skurrilere Züge annehmen, in dessen Verlauf es dann nur noch Verlierer gibt – vielleicht nicht ökonomisch, aber definitiv emotional.

McKinney gesteht im Laufe des Interviews mit Morris, der hier explizit nachfragt und mit Begrifflichkeiten weiterhilft, dass sie alles andere als ein Unschuldslamm ist. Und dennoch war die Motivation hinter allem, was sie getan hat, doch einfach nur unbändige Liebe. Sie ist gezeichnet, nicht nur physisch durch mehrere Hundeangriffe und Boulevard-Journalisten, sondern auch durch die Geschichte selbst, die ihr noch immer äußerst nahe geht, ja sie sogar bis kurz vor den Suizid trieb. Und dennoch ist diese Frau nicht unterzukriegen, denn etwas Stolz schimmert in ihren Worten immer auch mit. Bei vielen Details kann sie sogar herzhaft lachen, feiert sie ein Stück weit doch auch ihre Intelligenz und Durchtriebenheit, aus der sie zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis macht. Tabloid ist ihr weniger Projektionsfläche, als vielmehr eine Art Katharsis, die ihr dabei hilft, dieses Lebenskapitel ein für allemal abzuschließen. Weniger damit abgeschlossen zu haben, scheinen die Journalisten, die noch immer davon erzählen, als wäre es erst gestern und nicht in den Siebzigern passiert. Noch immer brüskieren sie sich damit, wie effektiv und besser ihr jeweiliges Medium gearbeitet habe. Und genau hierin liegt auch die Kraft von Tabloid, rollt der Film doch nicht nur einfach eine alte Boulevard-Geschichte wieder auf, sondern zeigt er damit deutlich, wie der Boulevard auch heute noch funktioniert.

Es ist egal, welchen Wahrheitsgehalt eine Geschichte hat, so lange sie sich gut verkaufen lässt und das 'Opfer' immer wieder nachlegt (freiwillig oder unfreiwillig). Dabei bleibt sich Morris auch selbst treu, ist er doch immer auch an verschiedenen POVs interessiert, die sich nicht immer zu einem kohärenten Ganzen zusammensetzen lassen. Dass er seinen talking heads dabei das entlocken kann, was er ihnen entlockt, ist beeindruckend und professionell zugleich. Tabloid ist ein wahres Wechselbad der Gefühle: Einmal fühlt man Mitleid, dann wieder Verachtung und wieder ein anderes Mal will man sie einfach alle nur dazu bringen, dass sie ihren Mund halten und die Geschichte endlich ruhen lassen. Dass nach der Geschichte aber oft vor der Geschichte ist, zeigt Tabloid schließlich, wenn er dem Ganzen noch eines draufsetzt und einen kurzen Exkurs über geklonte Hunde macht, die McKinney bis heute Partnerersatz sind. Und dann noch dieser südkoreanische Arzt, der die undurchsichtigste aller Interviewpartner ist – mit Tabloid beweist Errol Morris einmal mehr, warum er solch eine Institution im Genre ist. (8.5/10)


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