Lens Flare in der Dunkelheit: 'Let Me In' Blu-ray Review


Es ist eine verschneite Winternacht. Draußen ist es stockdunkel, nur die leuchtenden Farben der Sirenen und Laternen erhellen das Bild. Die Krankenhaustür schließt sich langsam, aus dem Off nehmen wir die Stimme Ronald Reagans wahr, der gerade eine Ansprache hält, die im Fernsehen übertragen wird. Der Fernseher findet sich irgendwo in der Lobby, wir wissen nicht genau wo, sehen ihn aber alsbald schon, weil er in der Glastür des Eingangsbereichs reflektiert wird. Man bekommt gerade noch mit, dass er etwas von Gut und Böse erzählt, den beiden Lieblingswörtern eines jeden Republikaners. Wir schreiben das Jahr 1983, Los Alamos, New Mexico, USA. Hier verortet Matt Reeves die Geschichte seines Let the Right One In-Remakes, das den simplen Namen Let Me In trägt. Genau so wie mit dem Titel, verhält es sich auch mit dem Rest es amerikanischen Remakes: Es kann ob der Geschichte, gar kein schlechter Film sein – vorausgesetzt man mochte das Original –, aber an die Komplexität und die subtilen Untertöne des Schweden kommt Reeves’ Film einfach nicht heran. Vielmehr ist sein Film eine leichte Reduktion, wie dessen Titel eben. Das ändert auch die eingebaute Ansprache eines Reagan nicht.

Natürlich drängt sich ein gewisser Vergleich zwischen Original und Remake immer auf. Wer hat was jetzt besser gemacht und vor allem warum hat er es besser gemacht? Hier wird einmal mehr deutlich, dass die amerikanischen Remakes ausländischer Filme sich primär an das heimische Publikum wenden und die Vorlage so weit anpassen und verändern, dass auch das US-Publikum in den vollen 'Genuss' des Ganzen kommt. Oder anders gesagt: Man versucht die Vorlage für die heimischen Sehgewohnheiten goutierbar(er) zu machen, was einem gewissen Zynismus entspricht, denn schließlich hält man die Amerikaner dadurch nicht gerade für die hellsten Filmrezipienten. So ändert Reeves dann auch zentrale Elemente von Tomas Alfredsons Film, in dem er beispielsweise die berühmte Sequenz, in der Elis Schambereich zu sehen ist und der Zuschauer sich fragt, welchen Geschlechts sie nun ist, komplett weg. Immerhin schauen ja Amerikaner zu. Stattdessen sagt sein Eli-Pendant Abby (Chloë Moretz) explizit, dass sie kein Mädchen ist. Damit zerstört Reeves mal eben einen der Momente des Originalfilms (dito die Flammenszene im Krankenhaus, die hier auch nicht so recht, pardon, zünden möchte).

So atmosphärisch dicht Let Me In auch daherkommt, auch hier erreicht er nicht ganz die Klasse des Originals, was auch daran liegen mag, dass ein Film in einer fremden Sprache, die wir nicht verstehen und die uns lediglich den Inhalt des Gesagten via Untertitel näherbringt, eine gewisse zusätzliche Faszination ausmacht – erst recht, wenn (narrativ) ohnehin alles nur angedeutet, statt explizit ausformuliert wird. Bei der Besetzung beweist das Remake hingegen ein glückliches Händchen, denn so ruhig hat man die sonst eher nervige Chloë Moretz lange nicht gesehen. Die Nebenrollen sind mit Richard Jenkins, der hier – auch das wird ausformuliert – nicht der Vater der Kleinen ist und Elias Koteas als '80s-Cop sehr gut besetzt. Die größte Überraschung ist aber Kodi Smit-McPhee, der eine ziemlich beeindruckende Performance abliefert und bei dem man sich wünscht, dass er in zehn Jahren nicht mit irgendwelchen Drogengeschichten Schlagzeilen macht. Auch Michael Giacchino – Stammkomponist von J.J. Abrams und dessen Schüler Matt Reeves – kann mit seinem ruhig-melancholischen Score Pluspunkte sammeln.

Let Me In macht vieles richtig, auch, weil es nahezu unmöglich war, das Remake komplett gegen die Wand zu fahren. Über Sinn und Unsinn eines solchen Filmes ließe sich natürlich einmal mehr streiten. Fest steht aber, dass Reeves mit seiner Adaption für das amerikanische Publikum im Prinzip den richtigen Nerv trifft, auch wenn sein Film für Kenner und Liebhaber des Originals lediglich so etwas wie eine nette Dreingabe darstellt. Genuin ist an seinem Film nämlich so gut wie gar nichts. Dabei wäre durchaus Potential dafür dagewesen, die Coming-of-Age-Geschichte neu auszuformulieren. Dafür hätte es dann aber wohl auch eines anderen Regisseurs bedurft – Reeves ist eben doch einen Tacken zu gimmicky. (7/10)

Die Blu-ray aus dem Hause Universal ist seit dem 19. April im Handel erhältlich (Amazon-Partnerlink) und ist zumindest bildtechnisch eher eine Enttäuschung. Dafür, dass ein Großteil des Filmes bei Nacht spielt, sind die Farben nicht kräftig genug, allen voran das Schwarz. Auch etwas schärfer hätte man sich das Ganze gewünscht, auch wenn das verwaschene Bild wohl etwas dem Setting zuzuschreiben ist. Richtiges HD-Feeling kommt also selten aus. Beim Ton sieht es hingegen anders aus, denn dieser kann mit einigen satten Basseinlagen begeistern. Auch in den ruhigen Szenen ist die Abmischung sehr gut. An Extras finden sich zwei Making-ofs, unveröffentlichte Szenen und ein Audiokommentar von Regisseur Matt Reeves.


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Lahmer erster Trailer zum 'Let the Right One In' Remake


Einerseits habe ich ja damit aufgehört, mich über den Remakewahn aufzuregen. Auch dass der schwedische Let the Right One In (Låt den rätte komma in) aus dem Jahre 2008, der sich schnell zum Liebling aller mauserte, ein US-Remake erfährt, ist mir schon lange bewusst. Andererseits ist der erste Trailer zu Let Me In aber dermaßen lame, dass ich schon fast wieder dabei bin mich aufzuregen. Let Me In … pff, da hätte man auch gleich die Eier haben können den Originaltitel beizubehalten – wie man es beim Rest offensichtlich auch tut. Zwei Jahre ist es gerade mal her, zwei Jahre …

(Via I Heart Pluto)


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X-Rated: Ausgabe 49 ab 29.05. am Kiosk!


Ein neues Quartal steht bevor, das heißt auch eine neue Ausgabe der X-Rated. Dieses Mal gibt es außer einer Besprechung zwecks DVD-Erscheinung von Let the Right One In leider nichts von mir, was das Ganze jedoch nicht schmälern soll, im Gegenteil. Ausgabe 49 – die letzte vor dem großen Jubiläumsheft, das so einige Überraschungen parat halten wird – wartet unter anderem mit dem Titelthema zum Remake von The Last House on the Left auf, einem Special zu Troma und massig DVD- und Blu-ray-Reviews. Ab 29.05. dann an jedem gut sortierten Bahnhofskiosk, online und auf Börsen erhältlich.


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Lippen, so rot wie Blut

Låt den rätte komma in
(Tomas Alfredson, Schweden 2008)
Kino

Eli (Lina Leandersson) ist gerade mal zwölf Jahre alt, verfügt aber bereits über eine Schambehaarung, welche die Kamera nur für den Bruchteil einer Sekunde einfängt. Sie ist gerade dabei im Begriff sich ein Kleid überzuziehen, da blickt der ebenfalls 12-Jährige Oskar (Kåre Hedebrant) durch den Türspalt und wirft einen Blick auf das, was ihm bisher noch nicht unter die Augen getreten ist. Das ist jedoch nicht die einzige Intimität, die dem eher unscheinbaren Oskar im Verlaufe des Filmes zuteil wird. Er teilt sich ein Bett mit einer nahezu völlig unbekleideten Eli, die ihm buchstäblich Wärme in einer kalten Winternacht schenkt. Wärme, etwas, das Oskar nicht kennt. Nicht nur, weil er in einem kleinen schwedischen Dorf wohnt, in dem es weit und breit nichts anderes als die Farbe Weiß zu sehen gibt. Zum anderen, weil er ein Scheidungskind ist, das mit seiner Mutter zusammen lebt und seinen Vater nur selten sieht. Gerade in seinem Alter braucht man Letzteren aber besonders, vor allem auch, weil Oskar in der Schule zum alltäglichen Opfer seiner Mitschüler und deren unstillbarem Folterverlangen wird.

Oskar ist kühl, kein Wunder. So hantiert er dann auch mit Dolch und übt die Rache an seinen Peinigern an einem Baum, der ein halbes Dutzend Mal als Surrogat für den menschlichen Torso herhalten muss. Seine Mutter ist zwar immer für Oskar da, aber schränkt sie ihn auch in seinem Bewegungsrahmen ein. Da kommt plötzlich Eli in sein Leben. Sie gibt ihm nicht nur Wärme, sondern stellt zugleich auch die nunmehr einzige Bezugsperson dar, an die er sich wenden kann. Sein Vater hat zwar Zeit für ihn, will diese aber auch seinem Lebenspartner nicht vorenthalten. Oskar hat also allerlei zu verdauen: Die Scheidung seiner Eltern, die Homosexualität seines Vaters – wir schreiben immerhin das Jahr 1982 -, die Probleme in der Schule und seine gerade erwachende Pubertät. Eli ist die Initiatorin für diese Entwicklung, die Oskar durchmacht. Sie leitet die story of initiation ein, zu der sich ein teilweise klassischer Vampirplot gesellt. Let the Right One In, so der internationale Titel des Filmes, setzt nämlich voraus, dass man sich mit den Topoi der sagenumwobenen Kreaturen ein wenig auskennt. So markiert schon der Einzug Elis und ihrer einzigen Bezugsperson (es wird nicht klar, ob es ihr Vater oder einfach nur ein 'Diener' ist), wenn diese alle Fenster zukleistert, dass hier etwas nicht ganz stimmen kann. Spätestens wenn Eli mit Leichtigkeit ein Klettergerüst hinunterschwebt, wird auch Oskar langsam klar, dass er es hier nicht mit einem gewöhnlichen pubertären Mädchen zu tun hat.

Doch ist es weniger Oskars Lebenserfahrung als seine Intelligenz und seine Effizienz – er liest sehr viel und klaut seiner Mutter auch schon mal die Tageszeitung -, die ihn langsam aber sicher erkennen lassen, mit wem er es hier eigentlich zu tun hat. Let the Right One In ist aber mehr als nur ein Vampir- oder Coming-of-Age-Film. Alfredsons Film ist vielmehr auch ein waschechter Liebesfilm, der zwei ausgegrenzte Seelen zusammenführt, die einiges zu überstehen haben, aber stets Seite an Seite stehen. Die einzige Frage dabei ist nur, ob das Alter dabei eine Rolle spielt. Können sich die beiden 12-Jährigen wirklich lieben oder ist Oskar einfach nur bereit, alles für einen 'Partner' zu tun? Es ist nicht nur Elis Mut und Courgage, die ihn beeindruckt, sondern vielmehr auch ihre Andersartigkeit, die ihm zwar fremd aber irgendwie doch wieder bekannt ist. Alfredson zeichnet diese Figurenkonstellation sehr fein, und was anfangs für Aufsehen sorgt, nämlich ebenjene Intimszenen zwischen den beiden, verwandelt sich spätestens dann in Wertschätzung, wenn die Figuren immer enger zusammenkommen und es schließlich deutlich wird, was Oskar an Eli findet und vor allem hat und vice versa.

Dass Alfredson aber keinen reinen Liebesfilm im Sinne hatte, zeigt sich in einer spektakulären Krankenhausszene, die man wohl so schnell nicht vergessen wird. Doch auch diese wiederum ein Liebesakt in sich. Letztere ist ein Beispiel dafür, wie der ruhige, sehr melancholische Film immer wieder von Akten der Gewalt durchdrungen wird, die ihre Klimax in einer nicht weniger intensiven Mise-en-scène findet, wie jene im Krankenhaus. Dieser Hybrid besticht jedoch nicht nur aus seiner zwar einfachen aber effektiven Zusammensetzung, sondern vielmehr lebt er auch von seinen beiden großartigen Protagonisten, an deren Chemie nicht einmal große Hollywoodpaare herankommen. Dass es wahre Liebe ist, für die Oskar auch seine sonst so große Rationalität fallen lässt, zeigt schließlich ein einfacher Morsekode des schwedischen Wortes 'Puss', das nichts anderes meint als einen kleinen Kuss. Von nun an aber ohne blutrote Lippen. (8.5/10)


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