Das Cabinett des Mr. Vorlander: 'Showgirls: Exposed'

Vielleicht sollte man als erstes vorausschicken, dass es sich bei Showgirls: Exposed nicht etwa um einen Spielfilm im konventionellen Sinne handelt, sondern um ein 'Music Photo Play'. Diese Bezeichnung, die Regisseur Marc Vorlander seinem Film selbst gibt und die auch im Film selbst erwähnt wird, trifft es dann nämlich auch ganz gut. Das vermeintliche Sequel zu Showgirls ist dann auch weniger eine in sich kohärente Geschichte, als vielmehr eine Mischung aus Musikvideo, Fotoband und Performance-Kunst. Die Szenen aus Das Cabinett des Dr. Caligari, die zu Beginn in den Film eingebaut und neu untertitelt werden, mögen für viele zwar ein Sakrileg darstellen, geben aber die expressionistische Richtung des Filmes vor: Vorlander und sein Photo Play sind vielmehr am Ausdruck und der Darstellung interessiert, weniger an einer in sich schlüssigen oder gar interessanten Geschichte. Natürlich wirkt das alles oft prätentiös, wie so viele Musikvideos oder Videoinstallationen im Museum eben auch, aber Showgirls: Exposed lässt sich auch prima als eine Hommage an die 80er lesen. Überall finden sich Bilder mit knalligen Neonfarben und Nachzieheffekten, die mit heftigen Synthieklängen unterlegt sind, die entweder einem Musikvideo einer aufstrebenden, aber konventionellen Popband entstammen könnten oder aus einer Montage eines 80er Jahre B-Movies genommen wurden.
Dass das auf Dauer natürlich ermüdend und redundant ist, ist selbstredend. Die Credits, die auch nach 20 Minuten noch nicht geendet haben wollen und die im Prinzip immer wieder das gleiche erzählen, tun ihr Übriges. Aber wir dürfen nicht vergessen, wir haben es hier nicht mit einem Spielfilm zu tun. Wenn wir jedoch in diesem Genre bleiben wollen, käme wohl als erstes der Experimentalfilm in Frage, um Vorlanders Film zu klassifizieren. Showgirls: Exposed ist so narrativ wie eine Packung Kekse, aber das ist ihm auch bewusst. Der Fokus liegt auf der bereits angesprochenen Optik, die zwar nichts bietet, was man nicht schon einmal gesehen hat, aber zumindest nicht unschön eingefangen ist. Vorlander, der nicht nur als Regisseur, sondern auch als Kameramann fungierte, hat ein gewisses Gespür für Bilder, weshalb er sein Machwerk auch richtig deklariert. Die Effekte, die sich durch alle Bilder des Filmes ziehen, sind natürlich weniger abwechslungsreich und nicht immer passend, aber man hat schon Langweiligeres gesehen. Auch mag es auf den ersten Blick vielleicht verwundern, dass es in regelmäßigen Abständen Stripeinlagen inklusive Titten zu sehen gibt, aber dann darf man eben auch nicht vergessen, dass es sich ja schließlich um diese Showgirls dreht, deren Kapital nun mal ihr Körper ist.
In diesen Sequenzen wird dann auch deutlich, dass Vorlander wohl viel Spaß bei den Dreharbeiten gehabt haben muss, denn die Bilder sind in diesen Sequenzen meist statisch, so dass Vorlander sich voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren konnte: an der Stange tanzende Stripperinnen, die gar nicht unattraktiv sind. Da kommt es dann auch schon mal vor, dass sie miteinander rummachen und neben Vorlander auch der Hund zuschauen darf – ein Private Dance für zwei, quasi. Einmal wird die Stange oder Matratze gar gegen einen Pool ausgetauscht, in dem sich dann zwei nackte Damen räkeln dürfen. Der Film konzentriert sich hierbei aber nicht nur auf die weiblichen Reize, sondern einmal mehr auf die Farben und allerlei andere technische Spielereien, die auf Low-Budget-Niveau machbar sind. Der Film kommt ohnehin ohne Worte aus – insgesamt werden vielleicht vier Sätze gesprochen -, stattdessen lässt er die Musik sprechen, die – und das muss man ohne jedwede Ironie sagen – zu einem beachtlichen Teil wirklich gut ist und großen Spaß macht. Auch wenn die Bilder hin und wieder entbehrbar erscheinen mögen, die Musik ist es nicht. Wenn nicht gerade Synthieklänge über die Bilder rauschen (die ebenfalls nicht übel sind), ist es eine schöne Mischung aus Soul, R'n'B und fetten Hip-Hop-Beats. Besonders die gefühlvollen Songs von Nyssina (die in den USA bereits von Universal unter Vertrag genommen wurde), die von einer ruhigen, aber auch kraftvollen weiblichen Stimme getragen werden, können sich mehr als hören lassen.
So viel Kritik sich der Film und Regisseur auch ausgesetzt sahen – völlig uninteressant ist Showgirls: Exposed nicht geraten. Dass Vorlander viel mit Ironie spielt, wird einem spätestens bewusst, wenn man ein Interview mit ihm liest. Diese Ironie findet sich natürlich auch in seinem Film wieder. Vorlander versucht Filme wie Showgirls und Konsorten auf das reduzieren, was sie letztlich sind, beziehungsweise uns von ihnen im Gedächtnis bleibt. Betrachtet man den Film aus dieser Perspektive, dann wird auch die bitterböse Ironie deutlich, mit der Vorlander sein ganzes Projekt angeht: man denke nur an die Poolszene aus Verhoevens Film oder die Sache mit dem Eis – minutenlange Sequenzen, wie zwei Stripperinnen im Pool planschen, sind im Prinzip nichts anderes als diese unfreiwillige Komik, die bereits das Original auszeichnete. Showgirls: Exposed ist ein Projekt, an dem viele Menschen großen Spaß hatten und das marketingtechnisch kaum besser hätte aufbereitet werden können (man erinnere sich nur an die Website mit dem Trailer, die laut Vorlander sämtliche Server zum Crash brachte und mit den ganz großen Filmen mithalten konnte, was die Klickzahlen betraf). Für ein Mainstreampublikum ist der Film aber nicht goutierbar, das muss man ganz klar sagen. Aber das ist bei Videokunst, die in ach so hippen Museen präsentiert ja auch der Fall.
Showgirls: Exposed schwimmt dabei im Fahrwasser von Exit Through the Gift Shop, denn beide Filme machen auf ihre Art und Weise deutlich, dass Kunst ein mehr als streitbarer Begriff ist und heutzutage alles als Kunst gilt. Mehr Geister als bei Showgirls: Exposed und seinem Status als Kunstobjekt dürften sich daher wohl nur beim Essen scheiden. Eines ist Vorlander allerdings wie auch Mr. Brainwash aus Banksys Film gelungen: er hat es geschafft, dass man über ihn und seinen Film redet – allein das ist bereits eine Kunst für sich.
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