Film Blue Moon 03/08 auf Radio Fritz

Fritz LogoEs ist mal wieder so weit, der Film Blue Moon auf Radio Fritz steh an. Seit MC Lücke das Ganze nicht mehr moderiert, habe ich noch kein einziges Mal reingehört, was ich heute aber vorhabe zu ändern. Durch's Programm führen nun Ronald Bluhm – as always – und Neuzugang Tom Ehrhardt. Auf dem Diskussionsplan stehen heute zum einen Roland Emmerichs 10,000 B.C. und zum anderen Joel und Ethan Coens Meisterwerk No Country for Old Men. Um 22.00 Uhr geht es los, Radio Fritz kann man entweder über FM (dann sollte man aber vorzugsweise in Berlin oder Brandenburg wohnen), DVB-S (wie ich) oder Live Stream empfangen. Dank an Rajko für den Hinweis (den man wohl auch wieder live hören kann).


Tags , , , ,

Aktive Teilnahmslosigkeit

No Country for Old Men
(Ethan Coen, Joel Coen, USA 2007)
Kino

No Country for Old MenDer amerikanische Süden. Hitze, Staub, Wüste. Es rauscht durch die Lautsprecher, man spürt die Schwüle und die willkommenen Winde, die einem um die Ohren fegen. Das Land ist weit, schier unüberschaubar, mit weit und breit nichts als trockenem Boden, einigen Bäumen und mittendrin einigen Männern, jungen Männern. Jede Einstellung ist eine Offenbarung, ein weitflächiges Stilleben – man will kaum glauben, dass es sich hierbei nicht um ein Gemälde handelt. Diese ersten Minuten von NO COUNTRY FOR OLD MEN fesseln, werfen den Zuschauer direkt ins Geschehen und gönnen ihm keine Pause. Im Gegenteil, nach den schönen Bildern bekommt man erst einmal wieder weniger schöne Bilder zu sehen: Gewalt, in all ihren Facetten, schmerzhaft, real. Es ist kein gewöhnlicher Killer (Javier Bardem), weiß Gott nicht. Er hat das Glück stets auf seiner Seite, denkt er zumindest, er fordert es heraus, spannt den Bogen bisweilen ziemlich weit. Es ist sein Land, es gelten seine Regeln, jeder der sich ihm in den Weg stellt wird beseitigt, ohne das kleinste Anzeichen von Mitleid.

Das muss auch bald Josh Brolin feststellen, der den Fehler begeht, sich ihm und seinem Geld in den Weg zu stellen. Er ist jung, kennt die Weite des Landes. Doch weiß er auch mit wem er sich da angelegt hat? Als Zuschauer weiß man es schnell, denn heißt es im Trailer noch "What's this guy supposed to be the ultimate badass?", so trifft es wohl nichts besser als ebenjene Aussage. Javier Bardem mimt einen Killer, der kälter, ausdrucksloser – er selbst ist dabei aber ausdrucksvoller als kaum ein Killermimender Darsteller vor ihm – und brutaler nicht sein könnte. Sein Gegenpart, Josh Brolin agiert nicht weniger grandios, auch wenn er als good guy (zumindest im direkten Vergleich mit Bardems Figur) natürlich weniger stark im Gedächtnis bleiben dürfte als Bardem, der einem in wirklich jeder einzelnen Szenen einen Schauer über den Rücken jagt. NO COUNTRY FOR OLD MEN wird von diesen beiden Größen ohne Probleme getragen, da bedürfte es eigentlich gar keinem Tommy Lee Jones oder Woody Harrelson mehr. Ersterer hat aber eine ganz bestimmte Funktion, er sorgt nämlich für den Humoranteil in dem sonst durch und durch düsteren Thriller. Er ist dabei jedoch weniger comic relief als der alte Mann, der die eine oder andere amüsante Anekdote zu erzählen hat.

Nicht anders verhält es sich mit Harrelson. Doch egal wie präsent oder lustig die beiden auch sind, so gehört dieser Coen ganz klar Brolin und Bardem. Ihr Duell führt die beiden nicht nur quer durch Texas und Mexiko, sondern auch quer durch alle Schichten dieser Gesellschaft(en). Es kommen Fragen auf, Fragen nach Glück, Bestimmung, Prinzipientreue. Diese beschäftigen nicht nur die beiden Kontrahenten, sondern auch (zwangsweise) deren Angehörige. Da wäre beispielsweise Tommy Lee Jones’ Figur des Sheriffs, der dem Killer immer einen Schritt hinterher ist, ihn erst gar nicht zu sehen bekommt. Doch er hinterlässt Zeichen, Zeichen, die Sheriff Bell (Jones) deuten kann. Er weiß, dass dieses, sein Land verkommen ist. Er ist es diese Welt nicht mehr gewohnt, diese von Drogen und Geld korrumpierte. Da können ihm auch seine Freunde nicht von großer Hilfe sein, denn dazu sind sie auch zu alt. Gerade hier setzen die Coens ihre Prämisse, die nicht nur den Titel widerspiegelt. In ihrem Film gibt es keine Helden, denen das Land gehört. Jeder hat sein(e) Last(er) zu tragen. Nicht einmal der im Genre sonst so heroischen Sheriff, den der scheint schon lange Opfer seiner Lethargie und seines Galgenhumors geworden zu sein.

Dieser ist es auch, der die Dialoge prägt, wenn sich diese mal nicht auf die beiden Protagonisten und deren schlichten, aber dennoch subtilen Informationsaustausch konzentrieren. NO COUNTRY FOR OLD MEN lässt sowieso lieber Bilder sprechen, und so kommt der Film neben den relativ wenigen Dialogen auch nahezu ohne Musik aus, lässt besonders die eingangs genannte Weite des Landes für sich (eindrucksvoll) sprechen. Auch plottechnisch hebt sich der neue Coen bisweilen meilenweit von seinen Kollegen ab. Nicht unbedingt wegen des Plots an sich (hier wurden ja bereits viele Stimmen laut, die A SIMPLE PLAN anführten), sondern wegen der konsequenten Inszenierung dessen. Joel und Ethan Coen nehmen gewalttechnisch keinerlei Blatt vor den Mund und zeigen die Gewalt so, wie sie auch ein David Cronenberg zeigen würde – nämlich als das, was sie ist: drastisch und roh. Ihr vermeintlich psychopathischer Killer will dabei auch nicht so recht in eine Klischeekiste passen, auch wenn er natürlich bisweilen Eigenschaften aufweist, die kein Killer mehr nicht vorzeigen kann. Doch das fällt überhaupt nicht ins Gewicht, denn ihr Film ist perfekt, so wie er ist. Geht man nur mal ins Detail, dann scheint sich hier immer mehr zu erschließen. Der Weite des Landes wird die Enge der Beziehung, der Motels und deren Schächte, den Stiefeln und dem verwundbaren Fleisch gegenübergestellt – da scheint der Titel noch das Offensichtlichste zu sein.

NO COUNTRY FOR OLD MEN würde man das Abräumen bei den diesjährigen Oscars gönnen. Er hätte es verdient, keine Frage, denn er ist schlichtweg perfekt. Denkt man nur mal an die unzähligen Vehikel, die sich heutzutage (Psycho)Thriller nennen, dann wächst der Film nur noch weiter. Angesichts der doch recht beeindruckenden Filmauswahl, die dieses Jahr noch auf uns zu kommt, kann man wohl dennoch mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass er – wie im letzten Jahr bei den amerikanischen Kritikern – den besten Film des Jahres markiert. (10/10)


Tags , , , ,