Lucio Fulci Retro: 'The New York Ripper'

Ein Killer geht um, der es auf junge, attraktive Frauen abgesehen hat. Wo? In New York, wo auch sonst? Mit einem Messer schlitzt er seine Opfer von Kopf bis Fuß auf – oder besser gesagt vom primären Geschlechtsorgan bis zum Hals, immerhin sind seine Morde ja auch sexueller Natur -, redet permanent mit Entenstimme und scheint der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Auf den ersten Blick scheint Fulci mit Lo Squartatore di New York nicht wirklich etwas Neues an den Tisch des Slasherfilmes zu bringen. Auch sein Killer hat eine Vorliebe für junge Frauen, eine komische Eigenschaft (die Stimme, die zwei fehlenden Finger) und hält sich für meilenweit überlegen. Nicht unbedingt neu, aber definitiv erwähnenswert ist vielmehr die latente Misogynie, mit der Fulci seinen Killer versieht.

Alle seine Opfer scheinen nicht gerade brave Bürgerinnen zu sein, nein, es handelt sich um Sachbeschädigerinnen, untreue Ehefrauen mittleren Alters, die auf der Suche nach Sexabenteuern sind oder um junge Frauen, die nachts allein mit der Metro fahren, sich der Gefahr aber nicht bewusst sind. Ach ja, Prostituierte sind natürich auch noch dabei, jene, die dem Cop nicht einmal einen Kaffee holen, wenn er sie dafür sogar bezahlt. Am interessantesten von ihnen allen ist sicherlich Jane (Alexandra Delli Colli), die zwar verheiratet ist, aber mit ihrem Mann keine intime Beziehung führt, sodass sie diese anderswo sucht. Bereits im Pornokino fragt man sich, was es mit ihr auf sich hat, wohin Fulci das Ganze noch verlaufen lassen will. So gehen dann auch weitere komische Dinge vor sich, Dinge, die irgendwo zwischen what the fuck? und comic relief anzusiedeln sind, aber definitiv Zeit kosten (die Fußszene).

Fulci wird da sicherlich noch das Ass aus dem Ärmel holen, da bin ich mir sicher. Doch was passiert dann? Sie wird natürlich zu einem weiteren Opfer des Killers, zwar ein 'spektakuläres' Opfer, aber nur ein weiteres Opfer. Wozu dann also die ganze Geschichte rund um Jane, wenn sie am Ende doch wieder nur gut aussehen und sterben darf? Es weiß wohl nur Fulci selbst. Da hätte er jedenfalls deutlich mehr draus machen können. Ein weiterer Beleg dafür jedenfalls, dass Fulci einzelne Szenen viel besser liegen als ein in sich kohärenter Spielfilm. Und dennoch, er versteht es gut, Spannung aufzubauen und die Fährten immer wieder falsch zu legen, so dass es am Ende doch eine kleine Überraschung gibt. The New York Ripper ist Slasher und Whodunnit, psychischer Horror – die Alptraumsequenz ist grandios -, Fulci zeigt also einmal mehr, wie versiert er doch ist, wie gut er Genre versteht und mit ihnen und ihren Motiven arbeiten kann.

Die bereits angesprochene sexuelle Komponente, allen voran der Morde, wird dabei nicht nur zur Exploitation benutzt (so werden beispielsweise Brustwarzen von einer Rasierklinge durchtrennt), sondern dienen auch als Tatmotiv – auch wenn die offizielle Begründung der Morde natürlich eine andere ist. Es geht um die Schönheit einer Frau, was diese ausmacht und wie sie durch unter anderem diese weibliche Merkmale definiert wird. Bei all dieser Tiefe, die Fulci bisweilen in seinem Film hat, wirken die Gewaltausbrüche manchmal fast wie Fremdkörper. Einen gewissen Kontrast dazu (wobei es die Misogynie gleichzeitg verstärkt) ist die Tatsache, dass Dr. Davis (Paolo Malco, The House by the Cemetery) schwul ist (zumindest kauft er sich Schwulenmagazine). Und in der Tat, für eine kurze Zeit dachte ich, er sei der Mörder.

Aber ein schwuler Psychologe, der junge Frauen ermordet und dabei ihre Körper verstümmelt? – das wäre dann wohl doch etwas zu homophob gewesen. Dennoch bleibt offen, was Fulci mit der Kioskszene bezwecken wollte. Neben City of the Living Dead sicherlich der am wenigsten kohärente und schwächste Film der bisher besprochenen Fulcis. Dabei aber ob seiner Thematik und Motive definitiv der streitbarste. (6.5/10)


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Lucio Fulci Retro: 'The House by the Cemetery'


"No one will ever know whether the children are monsters or the monsters are children", dieses Zitat beendet Lucio Fulcis Quella villa accanto al cimitero, und es stammt nicht von Henry James, wie da dem Bildschirm zu entnehmen ist, sondern es ist Fulic selbst entsprungen. Jenem Fulci, der hier nicht nur übernatürlichen mit Kinderhorror – geht es nur mir so, oder wirkt Bob (Giovanni Frezza) mit seinen riesigen Augen und seinem noch größeren Mund am angsteinflößendsten von allen? – vereint, sondern doch so viel mehr. Ein altes Spukhaus, jede Menge Puppen, heftige Goreeinlagen und sogar Slasherelemente, es gibt wirklich nahezu keinen Bereich des Genres, den Fulci hier nicht tangiert.

Eigentlich ist The House by the Cemetery primär atmosphärischer Horror, der mit ruhiger Hand geführt wird. Diese stille und äußerst dichte Atmosphäre wird aber immer wieder von harschen Gewalteinlagen unterbrochen, die nicht nur die Atmosphäre um 180 Grad kippen, sondern die Musik, die da so erhaben über den Bildern schwebt, gleich mit. Gerade noch im Auto auf der Straße in New York, findet im nächsten Moment schon wieder ein roher Gewaltausbruch statt, der einen nicht nur aus seinen Gedanken reißt, sondern auch erschrecken lässt. Doch so viel Fulci mit dem roten Lebenssaft auch rumsuhlen mag, so sind es oftmals doch weniger die rauen Gewaltmomente, die den Horror ausmachen, als vielmehr Fulcis Liebling, das Augen-Close-Up. Dieses Extrem doppelt er sogar, indem seine Darsteller leuchtend blaue Augen haben, die so strahlen, dass es fast schon wieder übernatürlich wirkt.

Und auch hierzu schafft er wieder den Gegensatz. Auf nahezu jedes Close-Up folgt eine Totale oder Halbtotale in der Natur, die zudem am hellichten Tag spielt. Es kommt einem so vor, als würde man auf den heißen Kaffee einen eiskalten Schluck Cola nehmen. Beides ist nicht gut für die Zähne oder in diesem Falle die Nerven. Nicht anders verhält es sich bisweilen mit dem Schnitt – ob gewollt oder ungewollt ist hier aber vielmehr die Frage, denn das ein oder andere Mal wirkt Vincenzo Tomassis Arbeit doch mehr laienhaft als professionell. Aber selbst diese 'Laienhaftigkeit', die sich vorallem auch in den Effekten äußert, entzieht sich nicht gerade eines gewissen Charmes. So zählt der Kampf Dr. Boyle (Paolo Malco) versus Fledermaus beispielsweise zu den Highlights des Filmes. Sowieso scheint man heute nahezu komplett vergessen zu haben, dass Puppen die meiste CGI immer noch um Längen schlagen.

The House by the Cemetery zählt für mich zu den poetischsten Horrorfilmen überhaupt. Was auf den ersten Blick ob der vorherigen Zeilen paradox klingen mag, ist alles andere als paradox, schaut man sich nur mal allein den Beginn und den Schluss des Filmes an. Klar, Fulcis erster shot ist einer auf nackte Frauenbrüste, aber gleich danach verkommen die vergilbten Farben zu einem wunderschönen schwarz-weiss-Postkartenmotiv, das im Zusammenspiel mit Walter Rizzatis wirklich großartiger Musik – die sowieso einen Löwenanteil der Atmosphäre ausmacht – sofort vom Horror weggeht und eine Sehnsucht wie ein Gemälde heraufbeschwört. Und dennoch kann man sich einem gewissen Horror, den das Ganze mit sich bringt, nicht entziehen. Fulcis Film ist ein Film voller Gegensätze. Kaum ertönt noch einmal das musikalische Thema des Bambinos, wird es im Abspann auch schon wieder vom agressiven Hauptthema abgelöst, das gar nicht erst nach einem sanften Übergang fragt.

Dunkelheit. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Ein paar hell leuchtender, definitiv nicht menschlicher Augen ist das einzige, das den Raum erhellt. Auch wenn Argento das schon sechs Jahre zuvor erschreckend gut inszenierte, so ist es aber auch hier einer der großartigsten Genremomente überhaupt. Wie sagt man so schön? Die Augens sind das Tor zur Seele. Kaum einer verstand dies so gut wie Lucio Fulci. (8.5/10)


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