'Restrepo' Regisseur Tim Hetherington in Libyen getötet


Gerade muss ich lesen, dass Photojournalist Tim Hetherington (im Bild rechts), einer der beiden Regisseur der Oscar-nominierten Doku Restrepo, in Libyen getötet wurde. Noch gestern ließ er die Welt via Twitter wissen: "In besieged Libyan city of Misrata. Indiscriminate shelling by Qaddafi forces. No sign of NATO." Eine sehr traurige Nachricht. R.I.P.

"Their lives were our lives: we did not sit down with their families, we did not interview Afghans, we did not explore geopolitical debates. Soldiers are living and fighting and dying at remote outposts in Afghanistan in conditions that few back home can imagine. Their experiences are important to understand, regardless of one’s political beliefs. Beliefs are a way to avoid looking at reality. This is reality." (Tim Hetherington und Sebastian Junger im Booklet der DVD)


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Die Tops & Flops des Kinojahres 2010


Und schon wieder ist das Jahr zu Ende. Ein eher durchwachsenens für den Film, möchte ich mal meinen. Wie auch bereits im vergangenen Jahr konnten Dokus viel Raum einnehmen und machen fast die Hälfte meiner Top 10 Liste dieses Jahres aus. Vielleicht ist es in Zeiten von Comicverfilmungen und Remakes ja genau diese Suche nach Authentizität, auf die man sich nur allzu gern begibt. Wie auch im letzten Jahr habe ich leider viel zu viel verpasst, weil es entweder keine Pressevorführungen gab oder ich schlichtweg keine Zeit (und Muse) fand regulär ins Kino zu gehen. Allen voran wäre hier Jackass 3D zu nennen, der wohl sicher auf der Liste gelandet wäre … ja hätte ich ihn denn gesehen. Andererseits bin ich mit meiner Liste aber auch sehr zufrieden – die Nummer 1 stand nach der ersten Sichtung bereits fest, die zweite war dann nur noch affirmativ (zumal es sich um eine digitale Projektion handelte). Ich will nicht lange um den heißen Brei reden, hier meine Top 10 des Jahres 2010 – dieses Mal ganz ohne Kommentar, eine reine Auflistung, denn die Kritiken (oder Kurzkommentare) dazu finden sich ja recht schnell:

10. Not Quite Hollywood: The Wild, Untold Story of Ozploitation!

09. The Young Victoria

08. Harry Brown

07. The Expendables

06. An Education

05. Anvil! The Story of Anvil

04. Restrepo

03. Brothers at War

02. Monsters

01. The Social Network

Runners Up: The Messenger, Crazy Heart, Enter the Void, The American, The Blind Side, The Last Exorcism, The Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleans

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Eine generelle Entdeckung des Jahres waren vor allem die Mad Men, deren dritter Season ich nun entgegen fiebere und die in Zeiten von 3D und sonstigem Technikwahn so herrlich old fashioned daherkommt, dass ich sie 2010 so genießen konnte, wie es 2007 wohl nicht möglich gewesen wäre. Ebenfalls zu erwähnen ist die kleine Retrospektive zu Errol Morris' drei ersten Dokumentationen, von denen The Thin Blue Line gleichzeitig auch den besten Film markiert, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Ebenfalls ein Film, der in diesem Jahr erst entdeckt wurde und wohl noch lange nachwirken wird, ist die australische Perle Long Weekend, die mich ziemlich beeindruckt hat (Not Quite Hollywood sei Dank). Auch Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens muss an dieser Stelle natürlich genannt werden – selten hat mich etwas im TV so gefesselt wie diese deutsche Ausnahmeproduktion.

Es gab allerdings nicht nur viel zu sehen in diesem Jahr, sondern auch zu hören. Ilan Eshkeris wundervoll-melancholischer Score zu The Young Victoria beispielsweise, der zusammen mit Hans Zimmers Score zu The Pacific den diesjährigen Höhepunkt in Sachen Ohrenschmaus markiert. In Sachen Magic Moments sind dieses Jahr primär zwei Momente zu nennen: zum einen die Clubszene aus The Social Network, die nicht nur unglaublich authentisch daherkommt, sondern einen selbst so dermaßen in Partystimmung bringt, dass man am liebsten gleich aus dem Saal raus und in den Club reinrennen würde. Auch der andere Moment 2010 hat mit Musik zu tun – nämlich jene Szene aus Restrepo, in der die Soldaten für einen kurzen Moment alles um sich herum vergessen und zu Eurodance-Mucke ihre Kameraden antanzen.

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Kommen wir also zu den etwas schlechteren Filmen dieses Jahres – wobei das noch recht mild ausgedrückt ist, denn einige von ihnen waren wirklich zum Foltern geeignet, so weh taten sie. Bei der Nummer 1 musste ich auch hier nicht lange grübeln und man fragt sich einmal mehr, was bei den Japanern eigentlich anders läuft, dass sie solche Stinker wie Shock Labyrinth 3D raushauen, der zu allem Übel auch noch auf einem Themenpark basiert (wait, what …?). Hier also die Flop 10 des Jahres – inklusive Blockbusterrepräsentanten:

10. Jud Süß – Film ohne Gewissen

09. Exit Through the Gift Shop

08. Inception

07. Predators

06. Kick-Ass

05. Survival of the Dead

04. Machete

03. Legion

02. Amer

01. Shock Labyrinth 3D (Senritsu meikyû 3D)

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Auf ein gutes Filmjahr 2011! Und erneut ein herzliches Dankeschön an Tilo Hensel, der auch in diesem Jahr wieder für die tolle Collage verantwortlich zeichnet. Viele der genannten Filme sind übrigens auch via Videoload online verfügbar.


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One Platoon, One Valley, One Year: 'Restrepo'


Ein Jahr haben Sebastian Junger und Tim Hetherington ein Platoon der US-Armee in Afghanistan für ihre Dokumentation Restrepo begleitet. An und für sich ist das nichts Neues, denn seit es den embedded journalism gibt, sind wir hautnahe Bilder von Truppen im Einsatz gewohnt. Junger und Hetherington ist dies bewusst, weshalb sie nicht irgendwo mit der Kamera dabei sind, sondern sich eine kleine Einheit ausgesucht haben, die im gefährlichsten Teil Afghanistans stationiert ist, dem Korengaltal. 70% aller Bomben, die über Afghanistan abgeworfen worden sind, fielen auf dieses Tal, wie es einer der Soldaten treffsicher formuliert und damit die Gefährlichkeit des Unterfangens deutlich macht. Man wird dann auch mitten ins Geschehen forciert, nachdem man die jungen Männer zuvor noch durch Amateuraufnahmen kennengelernt hat. Es ist auch der titelgebende PFC Restrepo darauf zu sehen, der in diesen zwölf Monaten das erste Opfer sein soll. Er war äußerst beliebt bei der Truppe, weshalb sie den Außenposten, der sich mitten im Niemandsland befindet, schließlich nach ihm benennen.

Was auf den ersten Blick wie aus einem x-beliebigem Kriegsfilm entnommen aussehen mag, entpuppt sich schnell als Trugschluss, denn auch wenn die Bilder der Helikopter und der Soldaten fast schon komponiert wirken mögen, so passiert doch auch vieles, was man in einem Kriegsfilm Marke Hollywood so nicht sehen würde. Das gesamte Material ist roh, man sieht den Aufnahmen an, dass sie kaum nachbearbeitet wurden, was der Intensität nur weiter zuträglich ist. Denn auch wenn man sich stets bewusst ist, dass es sich hierbei um non-fiction filmmaking handelt, so wird das Geschehen immer wieder von talking heads, den beteiligten Soldaten selbst, kommentiert. In diesen Passagen, die ob des Gesagten oftmals viel intensiver sind als die Aufnahmen selbst, haben Hetherington und Junger nur Aufmerksamkeit für das, was die Soldaten dem Zuschauer zu erzählen haben – die Kamera zeigt stets Close-Ups der Interviewten, der Hintergrund ist komplett in schwarz gehalten, so dass man nicht etwa abgelenkt wird und sich voll und ganz auf die Erlebnisberichte fokussieren kann. Es sind junge Männer, die in den 15 Monaten, in denen sie in Afghanistan dienten, alles erlebt haben, was man als junger Soldat an einem der gefährlichsten Orte der Welt nur erleben kann.

Sie erzählen vom alltäglichen Kampf gegen einen nahezu unsichtbaren Feind. Von endlosen Gefechten, die – das machen die Bilder deutlich – lediglich wie Munitionsverschwendung aussehen, da die Taliban von entfernten Bergen und Felsen angreifen. Es sind aber auch Dinge wie Langeweile, das Leben mit den Dorfbewohnern und die Verständigung mit selbigen, sowie Freundschaft und Kameradschaft zwischen den Männern, die thematisiert werden. Am schwersten fällt es den Soldaten natürlich über Verlust und Tod zu sprechen, der besonders im Korengaltal zum Alltag gehört. Die beiden Regisseure haben hier einen Moment eingefangen, der mehr ans Herz geht als die meisten Pathosszenarien aus Spielfilmen: während eines Gefechts wird einer der Männer getötet; Hetherington und Junger zeigen lediglich den Stiefel des Gefallenen, dessen Körper bereits bedeckt wurde. Einer seiner Kameraden – ein gestandener Mann – bricht währenddessen in Tränen aus, ist praktisch kampfunfähig. Es ist schon fast ein traurig-schöner Kontrast zu den Momenten, in denen sich die Männer als beinharte Soldaten porträtieren lassen, die erst in Italien, wo die Interviews aufgenommen wurden, emotional rekapitulieren können, was sie eigentlich erlebt haben.

Ein anderer dieser Momente ist eine Szene, in der einer der Männer seine Kameraden mit dem Song 'Touch Me' überrascht, die allesamt oberkörperfrei in die Baracke hereintanzen, um der Aussage des Songs Folge zu leisten. Es ist eine Szene, in der sowohl die Kameradschaft, als auch die Langeweile deutlich wird, die die Soldaten verbindet. Ferner zeigt es auch einen weiteren Kontrast zu all den Gefechten, derer wir im Laufe der 90 Minuten Zeuge werden. Diese sind zwar alles andere als leicht zu verfolgen, da sie viel zu durcheinander sind, aber genau das ist Krieg eben: er ist kein durchkomponiertes Kugelballet, sondern ein einziges Chaos, dem es Herr zu werden gilt. Es ist daher auch eine folgerichtige Entscheidung, dass die beiden Regisseure die Soldaten erläutern lassen, wie die größte Mission während dieses einen Jahres von statten ging, bevor sie die Bilder dieser zeigen. Restrepo ist weder politisches Statement zum Konflikt in Afghanistan, noch versucht er irgendwelche Lösungsansätze zu finden. Tim Hetherington und Sebastian Jungers Film ist lediglich ein intimer Einblick in den soldatischen Alltag, samt all seiner emotionalen und persönlichen Folgen. So bringen es die beiden im Booklet dann auch sehr schön auf den Punkt:

"Their lives were our lives: we did not sit down with their families, we did not interview Afghans, we did not explore geopolitical debates. Soldiers are living and fighting and dying at remote outposts in Afghanistan in conditions that few back home can imagine. Their experiences are important to understand, regardless of one’s political beliefs. Beliefs are a way to avoid looking at reality. This is reality." (8.5/10)


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Trailer zur Afghanistan Doku 'Restrepo'


Der britische Fotojournalist Tim Hetherington war bereits im Irakkrieg tätig, wo er GIs begleitete. In seinem ersten Dokumentarfilm Restrepo begleitete er ein Jahr lang ein US-Platoon im Karengal-Tal, dem angebliche gefährlichsten Gebiet in Afghanistan. Der Name Restrepo bezieht sich dabei auf den Nachnamen eines der getöteten Soldaten, PFC Restrepo. Die Doku versteht sich dabei eher als Experimentalfilm, denn weder kommen Diplomaten, noch Generäle zu Wort – der Zuschauer soll nur das erfahren, was die Soldaten in diesem Jahr erlebt haben. Der erste Trailer (480p/720p/1080p) erinnert dabei etwas an Brothers at War,  was aber alles andere als negativ zu verstehen ist.

Beim diesjährigen Sundance Film Festival gewann Restrepo den Grand Jury Prize für die beste Dokumentation. Dürfte vor allem auch hinsichtlich des embedded journalism (der, denke ich, nicht von offizieller Seite aus abgesegnet worden ist) interessant sein: "It truly works in their favour as I have never seen an embedded crew manage to really show such an empathetic and informative look at the experience of such a heavy level of combat and army experience." (The Documentary Blog)


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