Tony Scott Retro: 'The Last Boy Scout'


Das ist vor allem viel Shane Black und wenig Tony Scott. Nur selten scheinen Scotts Trademarks durch, am ehesten noch in den Actionszenen. The Last Boy Scout ist keinesfalls ein schlechter Film, im Gegenteil. Nur ist er eben nicht unbedingt als ein Film von Tony Scott wahrnehmbar; zudem steht Scott das 'Ernste' doch deutlich besser zu Gesicht als eine Buddy-Actioncomedy (was ja schon in Beverly Hills Cop II deutlich zu sehen war). Der Film fußt zu 75% auf Shane Blacks Drehbuch, für die restlichen 25% brauchte man dann noch einen Regisseur, der sein Handwerk versteht und der vor allem auch Ahnung von Action hat. Und da wundert es nicht, dass Scott der go-to-guy war. Neben Blacks Einfluss trägt das Ganze natürlich auch Joel Silvers Handschrift, mit dem Scott hier das erste Mal zusammenarbeitete. Ansonsten muss man sagen, dass The Last Boy Scout ziemlich gut gealtert ist, denn auch wenn er von Filmnerds bis heute zu Tode zitiert wurde, stimmen die action set pieces, sowie das Timing noch immer.


Tags , , , , , , , , , , , ,

Tony Scott Retro: 'Days of Thunder'


Es hat den Anschein, als käme Maverick auf seiner Harley (?) direkt von seiner (ehrenhaften) Entlassung aus der Navy. Er hat den Tod von Goose noch immer nicht verkraftet und sucht sich nun ein neues Adrenalin-haltiges Hobby. Er landet schließlich bei Robert Duvall und Randy Quaids Team, bei dem er fortan als NASCAR-Fahrer den Kick sucht und findet. Es ist genau dieser Shot mit Cruise auf dem Motorrad vor der untergehenden Sonne, die das Scope-Bild orangener nicht färben könnte, das zu dieser Annahme verleitet und uns so bekannt vorkommt.

Und natürlich die Tatsache, dass Days of Thunder ein Quasi-Remake von Top Gun ist – nur mit Rennautos statt Kampffliegern. Der Werdegang Cruises vom Hotshot zum Gewinner ist dabei fast noch etwas platter als in Top Gun, die Konflikte nicht wirklich interessant oder von Bedeutung. Das Mädchen in Form seiner späteren Frau Nicole Kidman bekommt er ja ohnehin – egal, wie oft er den Karren (buchstäblich) gegen die Wand fährt. Es liegt vielleicht auch zu einem nicht unerheblichen Teil daran, dass mich Autorennen nicht das Geringste interessieren, aber bei meiner Erstsichtung von Days of Thunder wollte der Funke einfach nicht überspringen.


Tags , , , , , , , , , , , ,

Tony Scott Retro: 'Revenge' (Director's Cut)


Was für eine Exposition! Kevin Costner brettert in der F-14 über die mexikanische Wüste, vorbei an der gerade untergehenden Sonne, die das gesamte Bild in ein knalliges Orangebraun taucht, das einen die Gefahr und die schwüle Hitze geradezu spüren lässt. Eine offensichtliche Reminiszenz an Top Gun, deren kurze Flugszene ebenfalls beeindruckt. Etwas gemächlicher geht es dann weiter und die 'gefährliche Affäre' (so der deutsche Zusatztitel) nimmt ihren Lauf. Dabei beweist Scott einmal mehr sein glückliches Händchen für das Casting, denn allein Anthony Quinn als Mobster lässt es einem schon kalt den Rücken herunterlaufen. Im Laufe des Filmes erscheinen immer mehr dieser teils (seelisch) vernarbten Kerle, denen sich Scott auch in seinen späteren Filmen vorzugsweise annimmt. Revenge ist im Prinzip nichts anderes als eine cheesy love story im Hartes-Männer-Kino-Gewand, die – und das konnte man schon in The Hunger beobachten – immer wieder von plötzlich hereinbrechenden (sexuellen) Gewaltmomenten durchdrungen wird.

Leider konterkariert Scott diese bedrückend-heiße Atmosphäre, in der man den Schweiß der Männer zu riechen glaubt, immer wieder durch kurze Momente, die nicht so ganz in das Gesamtbild passen wollen. Am deutlichsten wird das wohl mit dem Jungen, der gern ein Mädchen wäre und irgendwann gar nicht mehr aufgegriffen wird (vielleicht will er aber keine gescheiterte Existenz wie all die anderen Männer im Film werden und gibt sich deshalb als Mädchen aus …). Stilistisch fährt Scott seine Schiene konsequent fort: Vorhänge an offenen Fenstern wehen im Wind, weiße Tauben fliegen überall und in der entscheidenden (Sex-)Szene zwischen Costner und Stowe gibt es einen Dutch-Angle-Shot. Am Ende liegt die Frau, für die unzählige Männer in 100 Minuten draufgegangen sind, tot in Cochrans Armen. Und wieder hat es den Anschein, als hätte Scott damit den Weg für das Kino der 90er vorgegeben.


Tags , , , , , , , , , ,

Tony Scott Retro: 'Beverly Hills Cop II'


So richtig will man nicht glauben, dass es sich um einen Tony-Scott-Film handelt. Sicher, es gibt einige Anzeichen dafür, dass es doch so ist, am offensichtlichsten ist da der Wechsel vom 1.85:1-Bild zum 2.35:1-Bild (es ist der einzige in der Reihe, der das Scope-Format nutzt) oder die Rückkehr der Tauben im Lagerhaus, aber irgendetwas fehlt. Man merkt Beverly Hills Cop II jedenfalls deutlich an, dass Scott Simpson/Bruckheimer wohl nur einen Gefallen tat, die ihn nach Top Gun unbedingt als Regisseur für das Sequel haben wollten. Natürlich schlägt sich das vor allem im Look des Filmes nieder, der einmal mehr in knallige Orangetöne getaucht ist und jeden Sonnenuntergang voll ausreizt, aber vor allem auf Plotebene ist das einfach nur eine äußerst mediokre Fortführung der Geschichte und vor allem Figuren.

Taggart hat auf einmal Eheprobleme? Rosewood hat einen Pflanzen- und Waffen-Fetisch? Hinzu kommt, dass die Bösewichte, äußerst blass bleiben, obwohl oder gerade weil es so viele sind. Auch die Anspielungen auf First Blood, Cobra und Co. wirken etwas zu forciert und deplatziert. In den Actionszenen am Ende dringen sie dann wieder ein klein wenig durch, die Tony-Scott-ismen. Bis zum Finale muss man aber viel zu lange warten – und sich viel zu viele Dialoge anhören (die so heute teils nicht mehr möglich wären). Gott sei Dank ist Scott nie wieder zu diesem jobber geworden.


Tags , , , , , , , , , , , , , , ,

Tony Scott Retro: 'Top Gun'


Es ist schon erstaunlich, welchen Richtungswechsel Scott mit seinem zweiten Spielfilm vollzieht. Vom Vampir-Horror-Thriller im avantgardistischen '80s-Look zum Action- beziehungsweise Sportabenteuer. Top Gun ist ein Kind des 80er-Jahre-Kinos, und das nicht nur wegen der Frisuren und der Musik, die in The Hunger noch deutlich weniger nach 80ern aussahen als vier Jahre später bei seinem 100-minütigen Musikvideo. Wenn Top Gun mit seiner slicken Optik überhaupt etwas ist, dann dieses überlange Musikvideo, das – und würde ich es nicht so lieben, wäre es fast schon ein Vorwurf – Harold Faltermeyers 'Memories' bis zum Erbrechen wiederholt (aber meine Güte, wenn Maverick den toten Goose in den Armen hält und Faltermeyers Pathos erklingt, dann habe ich Pipi in den Augen!) und bisweilen sogar an gänzlich unpassenden Stellen gespielt wird. Das so oft zitierte Werbevideo für die US Navy erkenne ich darin aber keinesfalls. Die Gefahren, die das alles mit sich bringt – die im Tod von Goose ihren Höhepunkt finden – werden oft genug drastisch veranschaulicht. Und selbst Draufgänger Maverick ist kein unbesiegbarer Mann ohne Gefühle.

Der homoerotische Subtext ist hingegen kaum zu verleugnen: Von den vielen Dialogfetzen, die aneinander gereiht ziemlich eindeutig sind, mal ganz abgesehen, verliert Maverick zwar das Mädchen, bekommt am Ende aber Iceman, mit dem ihn von Beginn an eine Hassliebe verbunden hat. Und ein guter Kamerad ist immer noch mehr wert als jede Frau, wie Top Gun ebenfalls deutlich macht (deswegen aber noch lange nicht als Werbespot durchgeht). Die enge Kooperation mit dem Pentagon geht Scott wohl vielmehr deshalb ein, weil es ihm atemberaubende Aufnahmen beschert, die ohne diese Kooperation definitiv nicht möglich gewesen wären. 10.000 Dollar kostete allein der Sprit für eine Stunde Flug mit der F-14 … Weniger bei den Flugszenen (die temporeich genug sind) als vielmehr bei den Helikopter- oder Motorrad-Szenen ist es auffällig, dass Scott in Top Gun keine seiner beliebten und bei The Hunger eingeführten Spielereien nutzt: keine Freeze Frames, kein Speed Ramping und vor allem keinen einzigen Dutch Angle. Dafür taucht er seinen Film in knallige Orangetöne und nutzt jeden Sonnenuntergang, den er kriegen kann. Michael Bay ist ihm dafür wohl bis heute dankbar.


Tags , , , , , , , , , , , , , , ,

Tony Scott Retro: 'The Hunger'


Wer hätte gedacht, dass Tony Scott mit einem vor allem bildsprachliche sehr poetischen Horrorfilm begonnen hat, dessen bezaubernd schöne Catherine Deneuve erst mit David Bowie und dann mit Susan Sarandon rummacht? Scott sucht auch hier, gleich zu Beginn, den Exzess, den er mit all seinen späteren Trademarks zelebriert: Freeze Frames, Speed Ramping, Dutch Angles und eine Overall-Optik, die seine Herkunft aus der Werbung deutlich erahnen lässt. Offene Fenster überall, Tauben, die nur bei John Woo schöner fliegen und Vorhänge, die durch den Wind wehen, unterlegt mit klassischer Musik. Am erstaunlichsten ist aber, dass The Hunger keinesfalls wie ein Film aus dem Jahre 1983 aussieht, sondern vielmehr wie ein Film aus den 90ern. Seine Geschichte wäre zehn Jahre später, nach der großen Vampirfilm-Welle, aber wohl viel zu spät gekommen, auch wenn er über genügend Alleinstellungsmerkmale verfügt (allein die Make-up-FX sind grandios). Es ist schon erstaunlich, wie dieses Erstlingswerk so gar nicht in Scotts Oeuvre passen will, sich aber auf visueller Ebene – und Scott war ein visual craftsman – dann doch wieder nahtlos einfügt. Nach dem intensiven, fast schon surrealen Finale stellt man sich nur eine Frage: Wieso hat sich Scott nie wieder an Horror versucht?


Tags , , , , , , , , , ,

Lucio Fulci Retro: 'The Beyond'


Der deutsche Verleihtitel (der übrigens ob der Zombiewelle in der BRD darauf bestand, dass Fulci Zombiemassen einbaut) beschreibt Fulcis E tu vivrai nel terrore – L'aldilà wohl am besten: Die Geisterstadt der Zombies, denn das, was da in Louisiana vor sich geht, ist in der Tat mit einer Geisterstadt gleichzusetzen. Ein Fluch, der Tote in Untote verwandelt, eine Stadt, die mehr nach mystischem Dorf als nach Großstadt aussieht und eine junge Frau (Fulcis Bank: Katherine MacColl), die von Visionen heimgesucht wird. Fulci greift auch hier wieder altbekannte Motive auf, die er bereits ein Jahr zuvor in City of the Living Dead so atmosphärisch dicht zusammenführte. Nicht umsonst wird The Beyond gerne auch als Mischung aus City of the Living Dead und The House by the Cemetery bezeichnet. Und dennoch verfügt The Beyond über genügend Originalität, um als eigenständiger Film zu funktionieren. Fulci gelingt es hier nämlich – allen voran im Vergleich zum Glockenseilzombie – eine Atmosphäre und Spannung aufzubauen, die dem zeitlich später entstandenen Pfarrer, der sich erhängt, doch deutlich überlegen ist.

Er führt Momente wie das plötzliche Erscheinen von Toten oder abgründige Visionen konsequenter um, was sich vor allem in der Figur der blinden Frau mit Hund zeigt. Allein ihre pure Erscheinung sorgt bereits für Gänsehaut, ganz zu schweigen davon, wenn Fulci sein Augen-Close-Up auf sie anwendet. Der Hund – ein deutscher Schäferhund, der ihr so treu zur Seite steht wie man es sonst nur von Führerportraits kennt – sorgt deshalb ebenfalls für ein gewisses Schaudern. Etwas später wird Fulcis 'Tierfetisch' dann auch auf den Höhepunkt getrieben, wenn er riesige Spinnen im Verbund mit Plastikspinnen auf sein hilfloses Opfer jagt, das schließlich vor dem Hintergrund eines mindestens so absurden wie genialen Sounddesigns – tumulder geht in seiner tollen Besprechung darauf etwas näher ein – zerlegt wird. Und genau hier steckt der Charme so vieler Filme des Italieners – es ist die Naivität, mit der er bewusst zur Sache geht, die man seinen Filmen stets ansieht, aber gerade deshalb auch so schätzt, denn irgendwie ist es ja nur ehrlich. Ehrliches Filmemachen eben. Und schließlich 'verzaubert' es dennoch, etwas, das heute nur noch den allerwenigsten gelingt. Es ließen sich noch so einige Szenen dahingehend auformulieren, aber wer einen Fulci gesehen hat, der weiß, dass es fast auf den ganzen Film in all seinen Aspekten zutrifft.

Und dennoch hat mich speziell dieser Fulci zwiegespalten zurück gelassen. Einerseits sind hier viele seiner Marotten nahezu perfekt – die Spinnenszene macht mir immer noch Angst -, die Tode sind nicht nur technisch, sondern auch inszenatorisch so gut wie selten zuvor (wie genial ist denn bitteschön der Säureüberfall?). Auch der Fokus auf die Augen besitzt hier eine völlig einnehmende Schönheit, die bisher kaum so intensiv war wie hier. Andererseits störe ich mich jedoch am Plot selbst, der hier nun wirklich auf ganzer Strecke versagt. Und dabei will ich noch gar nicht mal auf das fast schon indifferente nicht-auf-den-Kopf-Schießen hinaus, sondern irgendwie ging es mir einfach so, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, was mir Fulci hier eigentlich erzählen will. Aber wenn ich so drüber nachdenke … das macht ja eigentlich nichts, denn Fulci war selten ein guter Geschichtenerzähler. Heute würde man seinen Stil wohl style over substance nennen, was die Endszene des Filmes nochmals eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die beiden Protagonisten finden sich buchstäblich in einer entrückten Stadt wieder, irgendwo zwischen Himmel und Hölle, Über dem Jenseits. Es gibt nur wenige Filme, die eine einzige Einstellung rechtfertigt. The Beyond ist einer von ihnen. (7.5/10)


Tags , , , , , , , , , , , ,

Lucio Fulci Retro: 'The New York Ripper'


Ein Killer geht um, der es auf junge, attraktive Frauen abgesehen hat. Wo? In New York, wo auch sonst? Mit einem Messer schlitzt er seine Opfer von Kopf bis Fuß auf – oder besser gesagt vom primären Geschlechtsorgan bis zum Hals, immerhin sind seine Morde ja auch sexueller Natur -, redet permanent mit Entenstimme und scheint der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Auf den ersten Blick scheint Fulci mit Lo Squartatore di New York nicht wirklich etwas Neues an den Tisch des Slasherfilmes zu bringen. Auch sein Killer hat eine Vorliebe für junge Frauen, eine komische Eigenschaft (die Stimme, die zwei fehlenden Finger) und hält sich für meilenweit überlegen. Nicht unbedingt neu, aber definitiv erwähnenswert ist vielmehr die latente Misogynie, mit der Fulci seinen Killer versieht.

Alle seine Opfer scheinen nicht gerade brave Bürgerinnen zu sein, nein, es handelt sich um Sachbeschädigerinnen, untreue Ehefrauen mittleren Alters, die auf der Suche nach Sexabenteuern sind oder um junge Frauen, die nachts allein mit der Metro fahren, sich der Gefahr aber nicht bewusst sind. Ach ja, Prostituierte sind natürich auch noch dabei, jene, die dem Cop nicht einmal einen Kaffee holen, wenn er sie dafür sogar bezahlt. Am interessantesten von ihnen allen ist sicherlich Jane (Alexandra Delli Colli), die zwar verheiratet ist, aber mit ihrem Mann keine intime Beziehung führt, sodass sie diese anderswo sucht. Bereits im Pornokino fragt man sich, was es mit ihr auf sich hat, wohin Fulci das Ganze noch verlaufen lassen will. So gehen dann auch weitere komische Dinge vor sich, Dinge, die irgendwo zwischen what the fuck? und comic relief anzusiedeln sind, aber definitiv Zeit kosten (die Fußszene).

Fulci wird da sicherlich noch das Ass aus dem Ärmel holen, da bin ich mir sicher. Doch was passiert dann? Sie wird natürlich zu einem weiteren Opfer des Killers, zwar ein 'spektakuläres' Opfer, aber nur ein weiteres Opfer. Wozu dann also die ganze Geschichte rund um Jane, wenn sie am Ende doch wieder nur gut aussehen und sterben darf? Es weiß wohl nur Fulci selbst. Da hätte er jedenfalls deutlich mehr draus machen können. Ein weiterer Beleg dafür jedenfalls, dass Fulci einzelne Szenen viel besser liegen als ein in sich kohärenter Spielfilm. Und dennoch, er versteht es gut, Spannung aufzubauen und die Fährten immer wieder falsch zu legen, so dass es am Ende doch eine kleine Überraschung gibt. The New York Ripper ist Slasher und Whodunnit, psychischer Horror – die Alptraumsequenz ist grandios -, Fulci zeigt also einmal mehr, wie versiert er doch ist, wie gut er Genre versteht und mit ihnen und ihren Motiven arbeiten kann.

Die bereits angesprochene sexuelle Komponente, allen voran der Morde, wird dabei nicht nur zur Exploitation benutzt (so werden beispielsweise Brustwarzen von einer Rasierklinge durchtrennt), sondern dienen auch als Tatmotiv – auch wenn die offizielle Begründung der Morde natürlich eine andere ist. Es geht um die Schönheit einer Frau, was diese ausmacht und wie sie durch unter anderem diese weibliche Merkmale definiert wird. Bei all dieser Tiefe, die Fulci bisweilen in seinem Film hat, wirken die Gewaltausbrüche manchmal fast wie Fremdkörper. Einen gewissen Kontrast dazu (wobei es die Misogynie gleichzeitg verstärkt) ist die Tatsache, dass Dr. Davis (Paolo Malco, The House by the Cemetery) schwul ist (zumindest kauft er sich Schwulenmagazine). Und in der Tat, für eine kurze Zeit dachte ich, er sei der Mörder.

Aber ein schwuler Psychologe, der junge Frauen ermordet und dabei ihre Körper verstümmelt? – das wäre dann wohl doch etwas zu homophob gewesen. Dennoch bleibt offen, was Fulci mit der Kioskszene bezwecken wollte. Neben City of the Living Dead sicherlich der am wenigsten kohärente und schwächste Film der bisher besprochenen Fulcis. Dabei aber ob seiner Thematik und Motive definitiv der streitbarste. (6.5/10)


Tags , , , , , , , , , , ,

Lucio Fulci Retro: 'City of the Living Dead'


Und wieder muss erst einmal jemand dran glauben, bevor alles überhaupt in die Gänge kommt. Dieses Mal ist es ein Priester, der sich kurzerhand erhängt und somit schreckliches im kleinen Städtchen Dunwich verursacht. Es folgt eine typische Fulci-Geschichte: übernatürliche Kräfte, Untote, jede Menge Ekeleffekte und am Ende sind es wieder mal Mann und Frau (die vom Typ her immer gewisse Ähnlichkeiten teilen), die sich davor nicht kannten, die die Welt retten – oder auch nicht, denn Fulcis Ende lässt viel Spielraum … In Paura nella città dei morti viventi wird am deutlichsten, dass Fulci nicht gerade der allerbeste Geschichtenerzähler ist. Zu inkohärent kommt das Ganze daher, zu unausgegoren.

Das mag zum einen daran liegen, dass Fulci seinen Fokus hier eher auf einzelne Szenen als auf die Gesamtheit legt. So wirken die diversen Goreszenen hier extrem selbstzweckhaft und exploitativ, auch wenn es die ein oder andere Szene gibt, die ob ihrer Inszenierung einfach nur begeistert (allen voran die Mehlwürmerattacke). Sowieso versteht Fulci die Mise-en-scène besser als die Verbindung dieser, denn auch wenn er es mit dem Augen-Close-Up hier definitiv übertreibt (viele von ihnen sind absolut unpassend), so fasziniert er auch hier wieder mit ebendiesem. Spätestens hier habe ich gemerkt, dass Fulci seine durchweg hübschen Protagonistinnen so erhaben inszeniert, dass man nicht nur mit ihnen fühlt, sondern sich auch stets zu ihnen hingezogen fühlt – etwas, das ich sonst nur von einem Kieślowski kenne. Ihre Augen spielen dabei eine bedeutende Rolle.

Fulci, der hier nicht nur gesellschaftskritisch, sondern auch politisch wird – die Bohrerszene soll seiner Aussage zufolge ja den Faschismus, der im Dorf herrscht, veranschaulichen -, legt mit City of the Living Dead dennoch seinen bisher schlechtesten Film ab. Am Ende wird das Hauptthema aus Zombi 2 kopiert beziehungsweise lediglich leicht abgewandelt, das Ende wirkt etwas uninspiriert und sowieso scheint Fulcis Herzblut nur in einigen wenigen Szenen zu stecken. Am Ende hat der Film seinen 'Ruhm' lediglich dem Zensurgeplänkel zu verdanken. (6.5/10)


Tags , , , , , , , , ,

Lucio Fulci Retro: 'Zombi 2' a.k.a. 'Zombie Flesh Eaters'


Und wieder läutet Fulci seinen Film mit einem großen Knall ein – buchstäblich. "The boat can leave now … tell the crew", und kurze Zeit später laufen die Zombies schon in New York ein (auch wenn der Straßenverkehr budgetbedingt normal weiterläuft). Zwei Dumme, ein Gedanke, sagt man ja gerne, und in der Tat, es ist schon erstaunlich, dass auch Fulcis Zombies die Konsumgesellschaft erreichen, auch wenn sein Film genau an jener Stelle endet, an der Romeros quasi erst beginnt. Doch auch zu Fulcis anderen Filmen gibt es überdeutliche formale Parallelen. So trägt Quella villa accanto al cimitero beispielsweise vorallem im Schnitt und in der Eigenheit der Musik (d.h. auch Geräuschkulisse) die Handschrift von Fulci, die sich auch hier in Zombi 2 äußert.

Eines scheint diese frühere und wohl auch bekanntere Produktion Fulcis jedoch deutlich von The House by the Cemetery zu unterscheiden: Fulci geht hier viel exploitativer vor, setzt viel mehr auf Effekte und weibliche Brüste als auf ein kohärentes und vorallem atmosphärisches Ganzes. Das soll aber nicht heißen, dass Zombi 2 nicht atmosphärisch wäre, im Gegenteil. Vor allem die Make-Up-Effekte der Zombies kommen meisterhaft daher, selten zuvor – und auch danach – hat man solch erschreckend gut gemachte Zombies gesehen (allen voran jender, der das Cover der DVD schmückt). Ein klarer Sieg für Fulci, schaut man sich im Gegensatz dazu einmal die Maske von Romeros Untoten an (so fern man diese überhaupt vergleichen mag/kann). Und wenn sie schließlich in der Abenddämmerung aus ihren Gräbern steigen oder sich langsam im Windschatten der Lebenden erheben, dann sorgt das schon für den einen oder anderen kalten Schauer, der einem da den Rücken hinunter läuft.

Man sieht schon, es ist nicht ganz einfach von Fulcis Zombieapokalypse zu reden, ohne Romeros Pendant zu erwähnen. Beide wollen mit ihren Filmen unterschiedliches, doch natürlich sind Parallelen unvermeidlich. Zombies als Kontrast zur Südseeidylle und in Scope haben dann aber doch einen größeren Reiz als Zombies im Kaufhaus, die man jeden Tag auch um die Ecke zu sehen bekommt. Sowieso scheint Fulcis Film weniger auf Gesellschafts- und Sozialkritik zu zielen, als vielmehr auf ein Publikum, das die paar Mark zahlt, um dann anderthalb Stunden Brüste, Gore und eine spannende Geschichte zu bekommen. In Anbetracht diverser Beschlagnahmeurteile und heutiger Rezeptionshaltung natürlich noch einmal eine ganze Ecke interessanter (was jedoch auf zahlreiche Filme des Genres und der Zeit, nicht nur von Fulci, zutrifft). Und sind wir doch mal ehrlich: einen Unterwasserzombie, der einen Haifisch anknabbert gab es so auch noch nicht. Da haben sie Filmgeschichte geschrieben, signore Fulci.

Interessant auch, wie Fulci mit Räumen spielt. Die Enge des Bootes, die immer wieder durch den Gegensatz des weiten Meeres und des Südseeflairs relativiert wird. Das Belagerungsszenario, das nicht von ungefähr an Carpenters Assault on Precinct 13 (und dessen Original) erinnert und schließlich das Haus von Dr. Menard und dessen Frau, das sich als Todeslabyrinth erweist. Da versucht sich seine Frau dann auch ins enge Zimmer zu retten, nur um wenig später aus dieser Enge samt Auge hinausgezogen zu werden ("Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!") – neben dem Hai sicherlich das Highlight des Filmes. Die vielen Totalen, eingefangen im Scopeformat, ein Zeichen der Freiheit, werden spätetens dann zur endgültigen Apokalypse, wenn die ersten Zombies in New York einlaufen … (8/10)


Tags , , , , , , , , , ,