Die Wiedergutmachung: Kritiken, kurz aber knackig


Erst vor kurzem hatte ich ja angekündigt, dass es hier bald wieder Reviews zu lesen geben würde. Da es jetzt knapp halb Zwei Uhr ist und ich noch lange nicht müde bin, zudem gerade erste Berlinaleberichte bei Thomas und bei Thorsten lese (die sehr fleißig berichten und auch mal einen Blick abseits des großen Tamtams riskieren), überkam mich der plötzliche Drang auch hier mal wieder für Lesestoff zu sorgen. Gut, es sind vielleicht keine wirklichen Besprechungen – dafür müsste ich mir dann wohl doch die ganze Nacht um die Ohren schlagen -, aber meine groben Eindrücke dürften ja schon mal ein Anfang sein.

Da er auch auf der Berlinale läuft und eine Klausel es mir sowieso verbat, bis zum Start in Berlin wertende Worte darüber zu verlieren, möchte ich mit Stephen Daldrys The Reader beginnen. Ich beginne nämlich erst jetzt, nach dem Film, zu schätzen, dass mir dieser Schinken in der Oberstufe erspart blieb. Gut, bevor hier gleich der große backlash beginnt, sei vielleicht noch kurz gesagt, dass ich inhaltstechnisch absolut nichts wusste – zumindest nicht mehr als der Titel sowieso schon verrät (Jemand liest Jemandem etwas vor, gut). Insofern war ich über den leichten Umschwung im Verlauf der Geschichte schon etwas überrascht, doch. Nur ändert das am Gesamteindruck nicht gerade viel. The Reader bleibt nämlich auch ohne jegliche Kenntnis der Vorlage kalkuliertes, abscheulich prätentiös-pathetisches Affektkino, das einen wieder daran erinnert, dass man nicht jeden Film, den man umsonst sehen darf, auch wirklich mitnehmen sollte (ich meine, in über zwei Stunden kann man vieles erledigen).

Fast noch schlimmer als das ganze Getöse um Schuld, Sühne, deutsche Geschichte und, natürlich, Liebe, ist die Sprache. Und damit meine ich nicht einmal die grottigen Dialoge, sondern vielmehr die Tatsache, dass es einfach unfassbar schlecht klingt, wenn man einen englischen Muttersprachler wie Kate Winslet mit deutschem Akzent sprechen lässt und die deutschen Muttersprachler zum Englischen zwingt. Angesichts des settings in Berlin, Heidelberg und Restdeutschland natürlich noch komischer. Von der Aussprache deutscher Namen natürlich ganz zu schweigen. Einziger Lichtblick dieses ganzen camps: die bezaubernde Lena Olin – doch bei den Darstellern angekommen, fallen einem dann ja auch wieder Alexandra Maria Lara oder Bruno Ganz ein …

Ebenfalls bald zu sehen, zwar nicht auf der Berlinale aber dafür für Jedermann im Kino, ist Edward Zwicks Defiance. Sein neuestes period piece zeichnet die reale Geschichte zweier weißrussischer Brüder nach, die in den 40er Jahren tausenden Juden das Leben retteten und in bester Guerillamanier in den Wäldern den Nazis trotzten. Leider ist das vermeintliche Heldenporträt (nur echt mit Texttafeln vor dem Abspann) weder Fisch noch Fleisch. Als Actionfilm taugt er nicht viel, denn die wenigen Actionszenen kann man an einer halben Hand abzählen (und sind zudem herrlich naiv konstruiert). Als Drama kann er da schon etwas mehr überzeugen, wenn auch angesichts seiner üblichen Zutaten nicht allzu sehr. Ich meine, die Geschichte selbst verrät natürlich das meiste eigentlich schon, denn im Wald zu leben, allen voran im Winter, ist nicht gerade das Gelbe vom Ei.

Da jagen die Männer dann (Nazis), die Frauen kochen und Ehen werden bisweilen auch noch geschlossen. Dazwischen: verstecken, kämpfen, weinen und jede Menge Vodka die Gurgel hinunterspülen. Der Cast ist dabei sicherlich der größte Eyecatcher, denn Daniel Craig, Liev Schreiber und Jamie Bell harmonieren zwar nicht perfekt zusammen, heben den Film dann aber doch etwas aus der Masse hervor. Komisch wieder nur, dass sie alle mit aufgesetztem russischen Akzent sprechen (von dem in der deutschen Synchronisation keine Spur ist). Gegen Ende werden dann natürlich Nägel mit Köpfen gemacht und die Brüder zu Helden erklärt, die nie etwas von diesem Heldentum hören wollten. Dank einem tollen Score von James Newton Howard geht es dann doch auch unter die Haut, denn solch eine Tat ist alles andere als selbstverständlich.

Fast noch besser als Eastwoods erster Film in diesem Jahr, Changeling – wer ihn noch nicht gesehen hat, begibt sich bitte schnell ins Kino -, ist sein zweiter, Gran Torino. Was im Trailer wie ein Reboot von Dirty Harry aussieht, ist in Wirklichkeit ein intelligenter Abgesang auf ebenjenes Genre, das sich den einsamen Helden zum Sujet machte. Es ist wirklich erstaunlich, wie fit und präsent Eastwood immer noch ist. Die Schauspieler an seiner Seite – einige von ihnen sind in der Tat Laiendarsteller -, verpuffen ob dieser Präsenz meist zu Statisten, die man oftmals gar nicht wirklich wahr nimmt. Die vermeintliche Komödie, die der ein oder andere hierin vielleicht sehen mag, ist natürlich grober Unfug. Natürlich ist Gran Torino lustig, aber diese Art von Humor dient weniger der Unterhaltung als der Dekonstruktion.

Eastwoods Walt Kowalski ist auf den ersten Blick der typische (Anti-)Held. Er ist einsam, gefühlskalt und grantig. Zudem ist er Koreakriegsveteran, Waffennarr und Konservativer. Er ist geprägt von einer reaktionären Haltung, fragt sich, was denn mit der Jugend von heute los sei und hasst überhaupt irgendwie jeden, der nicht so denkt wie er. Hinzu kommt natürlich sein Rassismus. Dies alles scheint stets an ikonografische Größen wie Rambo, Chuck Norris oder sonstige Helden der 70er und 80er anzuknüpfen. Und genau auf dieser Schiene fährt Gran Torino dann auch, zumindest eine Weile. Fast schon zu umfangreich und komplex wirkt das, was Eastwood hier veranstaltet. Der Mann, der wie kaum ein anderer das Heldenkino prägte, feiert einen Abgesang auf sich selbst.

So viel Walt auch mit den genannten Actionhelden gemein haben mag, so ist er doch auch die Antithese zu ihnen. Er verfügt über kein modernes Waffenarsenal, nein, vielmehr kämpft er mit seinen Waffen aus dem Krieg. Er ist alt, trägt keinen gestählten Körper vor sich her und legt den Reaktionismus als auch den Rassismus irgendwann ab. Das mündet schließlich in einer Schlussszene, die nicht nur mit der Erwartungshaltung des Zuschauers geschickt spielt, sondern auch das ganze Genre einmal mehr vorführt. Bei alledem ist es aber auch ein starkes Selbststatement, das Eastwood hier verfasst, er, der Oldtimer, der Gran Torino unter den Größen Hollywoods. Und spätestens wenn im Abspann Jamie Cullum dieses untermalt, fließen mir die Tränen in die Augen.

Gehe ich weiter chronologisch vor, lasse aber jene Filme aus, die ich noch ausführlicher besprechen werde (wie beispielsweise Sex Drive für das MANIFEST), steht als nächstes Tarsem Singhs The Fall an. Ein Film, der mittlerweile schon drei Jahre auf dem Buckel hat, es aber erst jetzt – Gott sei Dank – in die Kinos geschafft hat. Zugegeben, zuerst weiß man nicht, wie einem geschieht. Ist das alles selbstverliebtes Zitatenkino, gefärbt in knallig bunte Farben und Kostüme und gerade deshalb nicht selten auch homophil wirkend oder ist das alles eine ganz großartige Hommage an das Medium selbst? Ich wusste es nach dem Verlassen des Kinosaales nicht genau und weiß es auch jetzt noch nicht genau. Irgendwie bin ich mir unschlüssig, ja. Narrativ gehört The Fall jedenfalls mit zu dem besten, das ich in den letzten Jahren sehen durfte. Doch gerade hier liegt auch die Krux der ganzen Sache. Der Humor der Mise en abyme war für mich völlig fehl am Platz.

Doch auf der anderen Seite: sieht man das Ganze als Hommage an das Geschichtenerzählen, das Medium Film, dann ist es ja eigentlich nur Konsequent; denn The Fall hat alles: er ist dramatisch, traurig, pathetisch, humorvoll, spannend, brutal, ausgefallen, atmosphärisch und sowieso ließe sich hier mit jedem Adjektiv fortfahren, das nur annähernd das Medium Film definiert. Fest steht jedenfalls, dass es der erste Film ist, den ich gesehen habe, der der Arbeit einer der wichtigsten Filmgruppen huldigt, nämlich jene der Stuntleute. Das bulgarische Original würde mich jetzt auch interessieren.

Als letztes wäre da dann noch Danny Boyles Slumdog Millionaire. Je länger ich darüber nachdenke – die Pressevorführung ist nun auch schon wieder ein paar Wochen her -, umso verärgerter bin ich eigentlich. Nicht unbedingt wegen der Qualität des Filmes, sondern vielmehr wegen dieses ganzen Kalküls. Der Film reiht sich in gewisser Weise nämlich nahtlos neben seine Oscarkollegen wie The Reader oder The Curious Case of Benjamin Button ein. Irgendwie habe ich langsam die Nase voll von all den Epikern, die nur auf Affekt und Pathos setzen und dabei dem Standardbackrezept folgen. Boyles Film wurde vorgeworfen, es handle sich um poverty porn und hierbei mag sicherlich auch etwas dran sein. Sicher, er erzählt sie alles andere als neue Geschichte des plötzlichen sozialen Aufstiegs recht interessant. Die Spielszenen sind spannender als mancher Thriller und der Laiencast ist auch nicht übel, aber ein Nachgeschmack bleibt eben, wie gesagt.

Fast schon interessanter ist dabei die Tatsache, dass man ob des settings permanent an die noch jungen Anschläge in der indischen Metropole denken muss. Etwas, das nicht gerade wenigen Filmen im Nachhinein anhaftetet, nur gerade hier wird eine märchenartige Geschichte erzählt, die letzten Endes nicht näher auf die sozialen Probleme eines riesigen Landes einzugehen vermag. Ich sag's einfach mal so: Würde er den Oscar für den besten Film des Jahres gewinnen (und das wird er aller Voraussicht nach auch) und damit Fincher auf seinen Platz verweisen, wäre ich nicht gerade verärgert (was ich ja sowieso schon bin seit feststand, dass The Wrestler hier nicht nominiert ist). Ach ja, Letzteren habe ich ausgelassen, da dieser nun wirklich eine volle Besprechung verdient hat.


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81. Academy Awards: Die Nominierungen sind da


In genau einem Monat findet sie wieder statt, die Oscarverleihung. Und just in diesem Moment wurden die Nominierten für den (zumindest für Hollywood) wichtigsten Filmpreis der Welt bekannt gegeben. Viele Überraschungen gibt es nicht, im Gegenteil – business as usual. Heath Ledger bekommt seine Nominierung für The Dark Knight, Mickey Rourke eine Nominierung für die beste männliche Hauptrolle – alles andere wäre auch ein Unding gewesen – und Der Baader Meinhof Komplex leider eine für den besten fremdsprachigen Film. Der Rest der Liste, die bisher noch nicht ganz vollständig ist, schaut ebenfalls nicht besonders aus.

Gut, die Nominierung für In Bruges für das beste Originaldrehbuch freut mich sehr, aber den Rest teilen sich die großen fünf: Slumdog Millionaire, Milk, Frost/Nixon, The Curious Case of Benjamin Button mit 13 (!) Nominierungen und The Reader. Letztere beiden zumindest meiner Einschätzung nach zu Unrecht. Zugegeben, Finchers Film wurde ja auf diese Nominierungen hin konzipiert, ebenso Daldrys unsägliche Romanverfilmung. So richtig gönnen würde ich es ja sowieso keinem der Filme (wobei ich Frost/Nixon noch nicht gesehen habe), denn verdient hat es keiner, zu deutlich steht ihnen das Buhlen um ebenjene Trophähe ins Gesicht geschrieben. Interessanter wird es da schon in der Dokumentationskategorie, wo ich Werner Herzog den Preis wirklich gönnen würde, auch wenn er gegen Man on Wire leider den Kürzeren ziehen dürfte.

In Sachen Filmmusik fällt es mir eher schwer, einen Favoriten zu finden. Sowohl Defiance als auch Slumdog Millionaire hatten einen sehr guten Score (Letzterer dürfte sowieso beim Originalsong abräumen), wobei man beide natürlich überhaupt nicht miteinander vergleichen kann – nun ja, hauptsache nicht das Dahingeplätschere von Desplat (sowieso fehlt da ganz eindeutig Zimmer mit The Dark Knight, auch wenn mir einige massiv widersprechen würden).  Und wenn ich mich schon ärgere: Wanted hat gleich zwei Nominierungen bekommen, zwar unbedeutende, aber schon das ist schlimm genug.

Ich bin ja wirklich gespannt, was für eine Show da in vier Wochen auf uns zukommt …


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Golden Globe Awards 2009: Gewinner & Verlierer


Das Wichtigste vielleicht gleich zu Beginn: Nein, leider habe ich die Verleihung gestern Nacht nicht gesehen, da ich heute Morgen recht früh raus musste und es ja auch immer ewig dauert, bis es mal an die interessanteren Kategorien geht (die Oscars werden aber wieder mal komplett geschaut, das ist Pflicht). Und dennoch: die Liste der Gewinner erfreut mich größtenteils. Der Baader Meinhof Komplex hat nicht gewonnen, Mickey Rourke gewinnt absolut zu Recht für seine Rolle in The Wrestler, dem wohl besten Film diesen Jahres (Review folgt bald, ich weiß), dito Colin Farrell. Doch es gibt auch Aufreger, allen voran der Preis für Kate Winslet für ihre gar nicht mal so gute Rolle in dem gar nicht mal so guten, sondern grottenschlechten The Reader.

Ebenfalls sehr enttäuscht bin ich, dass Neil Patrick Harris den Award für seine Rolle in How I Met Your Mother nicht einsacken konnte – ein Skandal ist das, true story! Der Rest ist eigentlich das, was zu erwarten war, würde ich mal ganz dreist behaupten. Und da ich Danny Boyles Überfilm Slumdog Millionaire erst morgen sehe, gehe ich auf sein Abräumen auch gar nicht weiter ein, denn wer weiß, vielleicht bereue ich es morgen ja schon wieder, wenn ich es ihm heute gönne (was ich aber selber auch nicht wirklich glaube).


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