Das Kinojahr 2009: Die besten Filme des Jahres


Das Jahr 2009 hat in wenigen Tagen ein Ende, und damit liegt auch ein weiteres Jahr voller Filme hinter uns. Ein ziemlich gutes Jahr, möchte ich doch meinen. Zum einen, weil ich mir viel Müller gezielt erspart habe, zum anderen weil ich ganz besonders ein Genre für mich entdeckt habe: den Dokumentarfilm. Noch nie habe ich in einem Jahr so viele Dokus gesehen, noch nie war ich von diesen so fasziniert wie 2009. Für mich persönlich ganz klar das Jahr des Dokumentarfilms, auch, weil er gegenüber dem Spielfilm noch immer eine Art Schattendasein führt, leider (man schaue sich nur mal die Kopienanzahl an, mit der Dokus hierzulande starten). Doch nicht nur aktuellen Dokus fieberte ich entgegen, auch viele Klassiker gilt es nun nachzuholen.

Oft zeigen Dokus, dass das Leben selbst eben doch noch die besten Geschichten schreibt, wobei das Wort 'besten' hier sicherlich mehr als nur ambivalent ist. Sie zeigen auch, dass es keinem gigantischen Budget bedarf, um den Rezipienten für sich zu gewinnen und ihm etwas zu erzählen. Natürlich scheint der Trend des Dokumentarfilms dahingehend, immer mehr Elemente des Spielfilmes zu adaptieren, und seien es nur die szenischen Nachstellungen mit Schauspielern. Bei all diesen tollen Erlebnissen freut es natürlich umso mehr, wenn eine Film wie Anvil! The Story of Anvil nach einer halben Ewigkeit doch noch eine deutsche Kinoauswertung erfährt, weshalb er auf dieser Liste auch nicht vertreten ist.

Dass der Spielfilm bei alledem aber dennoch die führende Rolle einnimmt, ist selbstredend. So waren es in diesem Jahr vor allem die Comebacks, die mich begeistern konnten. Egal ob Mickey Rourkes Comeback oder Quentin Tarantinos lautstarke Rückkehr, auch die Rückkehr einer über 20 Jahre alten Graphic Novel, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat, ist hierbei zu erwähnen. Natürlich hätte ich gerne noch viel mehr potentielle Kandidaten gesehen beziehungsweise nachgeholt, allen voran Love Exposure, aber das gehört ja irgendwie auch dazu, dass man das eine oder andere verpasst. Einen ganz besonderen Platz nimmt in diesem Jahr sicherlich Lars von Triers Antichrist ein. Selten war ich in meinem Urteil innerlich so zerrissen über einen Film wie hier. Die digitale Zweitsichtung hat mich in meiner Urteilsfindung schließlich gefestigt, und so markiert von Trier damit den interessantesten Film des Jahres.

Natürlich ist die Frage hier angebracht, was einen guten Film auszeichnet – ob es seine technische und narrative Finesse ist oder ob er seinen Rezipienten einfach so emotional einbindet, sei es dass er ihn frisst und etwas später wieder auskotzt, wie es bei Antichrist der Fall war, dass man sich danach irgendwie ’geschändet’ fühlt. Am besten eine Kombination aus allem natürlich. Ist Film nicht oftmals gerade deswegen auch eine Dichotomie? Ein Film, bei dem einfach alles stimmt, markierte in diesem Jahr den wohl schönsten Kinobesuch. Casablanca im OV-Kino zu sehen, mitten unter Amerikanern, Deutschen, Jungen, Alten, Tränen und Gelächter, werde ich so schnell nicht vergessen.

Bevor ich aber endgültig zur Liste komme, möchte ich noch einige besondere Momente aufzählen, die es nicht in die Liste geschafft haben, die ich aber ebenfalls nicht mehr so schnell vergessen werde. Als erstes ist hier sicherlich Clint Eastwood zu nennen, der mit Changeling und Gran Torino gleich zwei großartige Filme in diesem Jahr präsentierte. Der Abspann von Letzterem, unterlegt mit einem Song von Jamie Cullum und Eastwood selbst, geht nicht nur unter die Haut, sondern markiert auch den Abschied eines ganz Großen des Mediums. Erwähnen möchte ich auch When Borat Came to Town, der die Schattenseite der Industrie rund um Brüno und Borat eindringlich veranschaulicht.

Ferner bleiben die Erschießung Stauffenbergs und dessen Mitverschwörer in Valkyrie, die Schlussszenen aus Man on Wire und In the Shadow of the Moon, sowie Harvey Milks Tod in Milk in Erinnerung. Ebenfalls erwähnenswert: das Ganzkörpertourette aus Crank: High Voltage, die Texttafeln in Defiance, der Gartentanz aus Coraline, die Kraft der schwarz-weiß-Bilder in Das weiße Band, das Finale von Paranormal Activity, die ersten 20 Minuten aus Where the Wild Things Are und die Schießereien in Public Enemies. Ein schönes Kinojahr geht zu Ende, doch.

10. (500) Days of Summer

Die Frischzellenkur, die die RomCom dringend gebraucht hat. Tolle, sympathische Jungdarsteller, eine zeitlose Geschichte und ein wundervoller Soundtrack. Da will man sich glatt wieder verlieben. Oder auch nicht. // Meine Besprechung

09. Watchmen

Natürlich konnte Snyder nicht an die Brillanz der Vorlage anknüpfen, erst recht nicht was die Narratologie angeht, aber er hat es dennoch geschafft, die Graphic Novel auf die Leinwand zu zaubern. Abstriche oder besser gesagt eine Abstrahierung muss man fast immer in Kauf nehmen, was aber nicht zwangsweise etwas Negatives sein muss. // Meine Besprechung

08. Redemption

Drei junge US-Soldaten, die aus dem Irak desertiert sind, berichten in ihrem Zufluchtsort Kanada von ihren Erlebnissen und philosophieren über das Leben danach (und davor). Ein eindringliches Porträt über Krieg und Frieden, verpasste Chancen, und das Leben mit Krieg und Exil.

07. Capitalism: A Love Story

Dass Moore ganz ohne Polemik nicht kann, sehe ich ja ein, dadurch wären seine Filme wohl auch deutlich langweiliger. Hier verzichtet er aber weitestgehend auf allzu manipulative Bilder und setzt stattdessen auf harte Fakten, die so zwar nicht unbedingt neu sein mögen, in dieser gebündelten Quantität aber des Öfteren für lange Gesichter sorgen. Eine schöne Symbiose aus Humor, Fakten und Dramaturgie. // Meine Besprechung

06. Drag Me to Hell

Sam Raimi zitiert sich nicht nur fleißig selbst, sondern bereichert das Genre damit einmal mehr. Sein Film zeigt in bester Manier, wie effektiv Horror auch ohne literweise Blut sein kann, ohne an Ekel zu verlieren. Eine der größten Überraschungen des Kinojahres, das Sound Design ist schlichtweg fantastisch. // Meine Besprechung

05. Religulous

Mal mehr, mal weniger respektvoll fragt sich Bill Maher durch die großen Weltreligionen und enttarnt dabei den einen oder anderen Scharlatan – oder noch besser: lässt sich ihn selbst enttarnen, indem er sich um Kopf und Kragen redet. Dazwischen gibt es Michael-Moore-like Clips aus Nachrichten, Propagandavideos und Filmen. Gegen Ende hin zwar etwas moralisch überladen, aber so was von unterhaltsam. // Meine Besprechung

04. Antichrist

Die Vertreibung aus dem Paradies, Freud, Schuld und Sühne, Religion, Misogynie, prätentiöses Egogewichse, Kommerz – nur einige Stichworte, die mir zum Film einfallen und die deutlich machen, wie interessant und ergiebig von Triers Film doch ist. // Meine Besprechung

03. Inglourious Basterds

Tarantino kehrt nahezu alle Nazi-Topoi um und hält Goebbels und Hitler damit den Spiegel direkt vor die Visage, in die sie später kaltes Blei bekommen. Die Rechte hat getobt, der Rest feiert Tarantinos etwas anderes period piece nahezu einstimmig. // Meine Besprechung

02. The Wrestler

Eine ebenso zeitlose wie intensive Geschichte um die Ruhe nach dem Sturm und vor dem Sturm. Rourke spielt sich buchstäblich die Seele aus dem Leib und sorgt für die schönste Schlusseinstellung des Jahres. Manchmal muss man in den einen Moment eben alles stecken, was man hat. // Meine Besprechung

01. The English Surgeon

Ein englischer Chirurg hilft seinem ukrainischen Kollegen im medizinischen Dritte-Welt-Land Ukraine und legt ein trauriges Schicksal nach dem anderen offen. Ein zutiefst humanistischer Film um Freundschaft, Ethos und die kleinen Momente im Leben. // Meine Besprechung

(Dank an Tilo Hensel, der für die Collage verantwortlich zeichnet)


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Zur Katharsis durch die Katharsis

The Wrestler
(Darren Aronofsky, USA/Frankreich 2008)
Kino

Wrestling, oder wie es bei uns damals hieß, Catchen, ist ein abgekartetes Spiel. Man einigt sich bereits im Vornherein auf einen Sieger, bespricht die jeweiligen Würfe, Schläge und Effekte, sodass keiner der beiden Kontrahenten ernsthaften Schaden nimmt, dem Publikum aber dennoch die perfekte Illusion präsentiert wird. Warum man sich so etwas anschaut? Etwas, das außer heißer Luft im Prinzip nichts ist? Warum gibt man sich immer wieder aufs Neue der Illusion zweier hart kämpfender, schwitzender Männer hin, die meist aussehen als seien sie zu lange im Fitnessstudio und im Solarium gewesen? Von ihren eingeölten und teils deformierten Körpern ganz zu schweigen.

Es ist eine Faszination, hinter deren Bühne ich auch noch nicht gestiegen bin. Man fiebert ja doch immer wieder mit, lässt sich vom eleos und phobos gefangen halten – denn streng genommen ist es ja auch nichts anderes als Theater. Und was für eines. Den Protagonisten wird eine Bühne geboten, eine, auf der sie sich austoben dürfen; so wird es uns zumindest weiß gemacht, denn auch dieses Theater folgt einem strengen dramatischen Ablauf. Und auch eine Katharsis fehlt hier nicht. Eine Katharsis, die hier gleich in jeglicher Form auftritt. Sie betrifft weniger den Zuschauer als vielmehr den Protagonisten. Mickey Rourke erfährt diese nicht nur im Film als Randy 'The Ram' Robinson, sondern vielmehr auch als Mickey Rourke. Der Mann, dessen Schicksal besiegelt schien, meldet sich eindrucksvoll zurück und reinigt sich von nahezu all seinen vorherigen Sünden.

Es ist schon fast erschrecken, wenn man sieht, wie maßgeschneidert Aronofsky die Rolle für Rourke hat. Da steckt ein Mann in einer seiner tiefsten Krisen und ist auch physisch nur noch ein Abziehbild seiner selbst. Es ist erschreckend wie Rourke in The Wrestler aussieht, wenngleich er auch paradoxerweise nicht besser schlecht für diese Figur des alternden Wrestlingstars aussehen könnte. Das Erfreuliche dabei: Rourke spielt auch mindestens so vielschichtig und gezeichnet wie sein von Botox, Drogen und Alkohol gezeichnetes Gesicht. Er geht in der Rolle auf, weil er nicht das tun muss, was ein Schauspieler für gewöhnlich tut, nämlich etwas perfekt vorzugeben, das er nicht ist, sondern weil er er selbst ist, sich selbst spielt. Spielen, ein Motiv, das den Film durchzieht wie kein zweites. Jeder im Film spielt eine Rolle, eine Rolle die ihnen im Verlaufe des Filmes zum Verhängnis wird. Nur Randy hat das Spielen satt und muss einen hohen Preis dafür bezahlen.

Er erleidet einen Schlaganfall, soll sich für immer aus dem Wrestlinggeschäft zurückziehen. Seine Blütezeit ist sowieso schon lange vorbei (einmal mehr muss man eigentlich nicht zwischen Charakter Randy und Rourke unterscheiden, denn alles scheint sie beide zu tangieren), doch damit will er sich nicht abfinden. Schließlich ist er für einen Mann doch im besten Alter – und zumindest optisch strahlt er noch eine Physis aus, die an seine besten Tage erinnert. Doch wie alles in Randys Leben ist es nur eine Illusion, denn er kommt nicht einmal mit so einfachen Dingen wie dem Alltag klar. Tief verschuldet schwelgt er in alten Zeiten und vertreibt sich seine viele Freizeit mit Videospielen, in denen er seinen eigenen Charakter jeden Tag aufs Neue zum Sieg führen kann – wenn er nicht gerade Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) besucht, die ebenfalls nicht mit ihren Identitäten klarkommt.

So wundert es dann auch nicht, dass er in ihre neben sexueller Zuneigung auch eine Seelenverwandte findet, der diese Rolle aber alles andere als gefällt. Vielleicht erkennt sie – im Gegensatz zu Randy -, dass sie sich mehr gleichen als ihnen lieb ist. Beide tragen sie eine Maske, eine Maske, die nicht nur aus Makeup und Selbstbräuner besteht. Der einzige Unterschied: während der eine wieder in ebendiese Rolle schlüpfen will, wie die andere endlich raus aus dieser Verkleidung. Auch der Nachwuchs verbindet sie beide. Während Randys Tochter schon lange mit ihm gebrochen hat, da dieser nie Zeit für sie hatte, ist es bei Cassidy zwar noch nicht ganz so weit, aber berufsbedingt kommt auch ihr kleiner Sohn zu kurz. Dass Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) ebenfalls Ausflucht sucht – in die Homosexualität – ist dabei nur allzu verständlich.

Aronofsky nimmt sich viel Zeit für jeden einzelnen dieser Charaktere, verleiht ihnen eine Tiefe und Verletzlichkeit, die er schon in seinem letzten Film so meisterlich dazustellen wusste. Wie in Letzterem ist es auch hier nur vermeintliches Pathos, das diese Emotionalität in, zischen und für die Charaktere schafft. Vielmehr ist es aber eine feine Charakterzeichnung, die durch kurze Szenen meist mehr über diese aussagt als es ein Monolog oder ellenlange Dialoge im Stand wären zu tun. So steht Randy irgendwann hinter der Theke einer Supermarktmetzgerei, lässt sich von den Kunden anpöbeln und herumschupsen. Doch das ist er nicht gewöhnt, das ist nicht er. Randy ist ein Kämpfer, und auch wenn diese im Wrestling weniger geeignet sind als Schauspieler, so macht gerade dies sein Erfolgsrezept aus. Randy geht immer einen Schritt weiter. Für das Publikum und sich selbst.

Irgendwann beantwortet Aronofsky dann auch die Frage nach dem Zielpublikum dieser Wrestlingshows. Es sind Fanboys, Menschen für die diese Wrestler ewige Vorbilder bleiben werden – ein Mann erkennt Randy dann auch noch hinter der Theke und in Schutzkleidung – und sich dieser Illusion völlig hingeben. "Use his leg, use his leg, use his leg, …!", brüllt der Mob dann auch beim Kampf – es ist das künstliche Bein eines Teenagers, der zufällig mitten in den Kampf der beiden Kontrahenten gerät. Es ist ihnen egal, ob sich ihr Idol vorher mit illegalen Präparaten voll pumpt; Hauptsache der Kampf hält das, was er verspricht. Eine kleine Milieustudie, die pointierter kaum sein könnte ("USA! USA! USA!"). Dieser Haufen verpickelter und wütender Teens und infantilen Erwachsenen ist es dann schließlich auch, der Randy als einziger die Treue hält.

Randy macht das, was er zu tun hat. Er bedankt sich bei seinen Fans, geht zu den Menschen, die ihm über all die Jahre treu geblieben sind. In guten wie auch in schlechten Zeiten. Letztere musste Randy lange genug durchmachen. Ohne Rücksicht auf Verluste sucht er das Comeback, seine Erlösung. Er weiß, dass es nur noch die Flucht nach vorn gibt und er bekommt seine Katharsis. Mickey Rourke bekommt sie. Der Zuschauer bekommt sie. (10/10)


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Die Wiedergutmachung: Kritiken, kurz aber knackig


Erst vor kurzem hatte ich ja angekündigt, dass es hier bald wieder Reviews zu lesen geben würde. Da es jetzt knapp halb Zwei Uhr ist und ich noch lange nicht müde bin, zudem gerade erste Berlinaleberichte bei Thomas und bei Thorsten lese (die sehr fleißig berichten und auch mal einen Blick abseits des großen Tamtams riskieren), überkam mich der plötzliche Drang auch hier mal wieder für Lesestoff zu sorgen. Gut, es sind vielleicht keine wirklichen Besprechungen – dafür müsste ich mir dann wohl doch die ganze Nacht um die Ohren schlagen -, aber meine groben Eindrücke dürften ja schon mal ein Anfang sein.

Da er auch auf der Berlinale läuft und eine Klausel es mir sowieso verbat, bis zum Start in Berlin wertende Worte darüber zu verlieren, möchte ich mit Stephen Daldrys The Reader beginnen. Ich beginne nämlich erst jetzt, nach dem Film, zu schätzen, dass mir dieser Schinken in der Oberstufe erspart blieb. Gut, bevor hier gleich der große backlash beginnt, sei vielleicht noch kurz gesagt, dass ich inhaltstechnisch absolut nichts wusste – zumindest nicht mehr als der Titel sowieso schon verrät (Jemand liest Jemandem etwas vor, gut). Insofern war ich über den leichten Umschwung im Verlauf der Geschichte schon etwas überrascht, doch. Nur ändert das am Gesamteindruck nicht gerade viel. The Reader bleibt nämlich auch ohne jegliche Kenntnis der Vorlage kalkuliertes, abscheulich prätentiös-pathetisches Affektkino, das einen wieder daran erinnert, dass man nicht jeden Film, den man umsonst sehen darf, auch wirklich mitnehmen sollte (ich meine, in über zwei Stunden kann man vieles erledigen).

Fast noch schlimmer als das ganze Getöse um Schuld, Sühne, deutsche Geschichte und, natürlich, Liebe, ist die Sprache. Und damit meine ich nicht einmal die grottigen Dialoge, sondern vielmehr die Tatsache, dass es einfach unfassbar schlecht klingt, wenn man einen englischen Muttersprachler wie Kate Winslet mit deutschem Akzent sprechen lässt und die deutschen Muttersprachler zum Englischen zwingt. Angesichts des settings in Berlin, Heidelberg und Restdeutschland natürlich noch komischer. Von der Aussprache deutscher Namen natürlich ganz zu schweigen. Einziger Lichtblick dieses ganzen camps: die bezaubernde Lena Olin – doch bei den Darstellern angekommen, fallen einem dann ja auch wieder Alexandra Maria Lara oder Bruno Ganz ein …

Ebenfalls bald zu sehen, zwar nicht auf der Berlinale aber dafür für Jedermann im Kino, ist Edward Zwicks Defiance. Sein neuestes period piece zeichnet die reale Geschichte zweier weißrussischer Brüder nach, die in den 40er Jahren tausenden Juden das Leben retteten und in bester Guerillamanier in den Wäldern den Nazis trotzten. Leider ist das vermeintliche Heldenporträt (nur echt mit Texttafeln vor dem Abspann) weder Fisch noch Fleisch. Als Actionfilm taugt er nicht viel, denn die wenigen Actionszenen kann man an einer halben Hand abzählen (und sind zudem herrlich naiv konstruiert). Als Drama kann er da schon etwas mehr überzeugen, wenn auch angesichts seiner üblichen Zutaten nicht allzu sehr. Ich meine, die Geschichte selbst verrät natürlich das meiste eigentlich schon, denn im Wald zu leben, allen voran im Winter, ist nicht gerade das Gelbe vom Ei.

Da jagen die Männer dann (Nazis), die Frauen kochen und Ehen werden bisweilen auch noch geschlossen. Dazwischen: verstecken, kämpfen, weinen und jede Menge Vodka die Gurgel hinunterspülen. Der Cast ist dabei sicherlich der größte Eyecatcher, denn Daniel Craig, Liev Schreiber und Jamie Bell harmonieren zwar nicht perfekt zusammen, heben den Film dann aber doch etwas aus der Masse hervor. Komisch wieder nur, dass sie alle mit aufgesetztem russischen Akzent sprechen (von dem in der deutschen Synchronisation keine Spur ist). Gegen Ende werden dann natürlich Nägel mit Köpfen gemacht und die Brüder zu Helden erklärt, die nie etwas von diesem Heldentum hören wollten. Dank einem tollen Score von James Newton Howard geht es dann doch auch unter die Haut, denn solch eine Tat ist alles andere als selbstverständlich.

Fast noch besser als Eastwoods erster Film in diesem Jahr, Changeling – wer ihn noch nicht gesehen hat, begibt sich bitte schnell ins Kino -, ist sein zweiter, Gran Torino. Was im Trailer wie ein Reboot von Dirty Harry aussieht, ist in Wirklichkeit ein intelligenter Abgesang auf ebenjenes Genre, das sich den einsamen Helden zum Sujet machte. Es ist wirklich erstaunlich, wie fit und präsent Eastwood immer noch ist. Die Schauspieler an seiner Seite – einige von ihnen sind in der Tat Laiendarsteller -, verpuffen ob dieser Präsenz meist zu Statisten, die man oftmals gar nicht wirklich wahr nimmt. Die vermeintliche Komödie, die der ein oder andere hierin vielleicht sehen mag, ist natürlich grober Unfug. Natürlich ist Gran Torino lustig, aber diese Art von Humor dient weniger der Unterhaltung als der Dekonstruktion.

Eastwoods Walt Kowalski ist auf den ersten Blick der typische (Anti-)Held. Er ist einsam, gefühlskalt und grantig. Zudem ist er Koreakriegsveteran, Waffennarr und Konservativer. Er ist geprägt von einer reaktionären Haltung, fragt sich, was denn mit der Jugend von heute los sei und hasst überhaupt irgendwie jeden, der nicht so denkt wie er. Hinzu kommt natürlich sein Rassismus. Dies alles scheint stets an ikonografische Größen wie Rambo, Chuck Norris oder sonstige Helden der 70er und 80er anzuknüpfen. Und genau auf dieser Schiene fährt Gran Torino dann auch, zumindest eine Weile. Fast schon zu umfangreich und komplex wirkt das, was Eastwood hier veranstaltet. Der Mann, der wie kaum ein anderer das Heldenkino prägte, feiert einen Abgesang auf sich selbst.

So viel Walt auch mit den genannten Actionhelden gemein haben mag, so ist er doch auch die Antithese zu ihnen. Er verfügt über kein modernes Waffenarsenal, nein, vielmehr kämpft er mit seinen Waffen aus dem Krieg. Er ist alt, trägt keinen gestählten Körper vor sich her und legt den Reaktionismus als auch den Rassismus irgendwann ab. Das mündet schließlich in einer Schlussszene, die nicht nur mit der Erwartungshaltung des Zuschauers geschickt spielt, sondern auch das ganze Genre einmal mehr vorführt. Bei alledem ist es aber auch ein starkes Selbststatement, das Eastwood hier verfasst, er, der Oldtimer, der Gran Torino unter den Größen Hollywoods. Und spätestens wenn im Abspann Jamie Cullum dieses untermalt, fließen mir die Tränen in die Augen.

Gehe ich weiter chronologisch vor, lasse aber jene Filme aus, die ich noch ausführlicher besprechen werde (wie beispielsweise Sex Drive für das MANIFEST), steht als nächstes Tarsem Singhs The Fall an. Ein Film, der mittlerweile schon drei Jahre auf dem Buckel hat, es aber erst jetzt – Gott sei Dank – in die Kinos geschafft hat. Zugegeben, zuerst weiß man nicht, wie einem geschieht. Ist das alles selbstverliebtes Zitatenkino, gefärbt in knallig bunte Farben und Kostüme und gerade deshalb nicht selten auch homophil wirkend oder ist das alles eine ganz großartige Hommage an das Medium selbst? Ich wusste es nach dem Verlassen des Kinosaales nicht genau und weiß es auch jetzt noch nicht genau. Irgendwie bin ich mir unschlüssig, ja. Narrativ gehört The Fall jedenfalls mit zu dem besten, das ich in den letzten Jahren sehen durfte. Doch gerade hier liegt auch die Krux der ganzen Sache. Der Humor der Mise en abyme war für mich völlig fehl am Platz.

Doch auf der anderen Seite: sieht man das Ganze als Hommage an das Geschichtenerzählen, das Medium Film, dann ist es ja eigentlich nur Konsequent; denn The Fall hat alles: er ist dramatisch, traurig, pathetisch, humorvoll, spannend, brutal, ausgefallen, atmosphärisch und sowieso ließe sich hier mit jedem Adjektiv fortfahren, das nur annähernd das Medium Film definiert. Fest steht jedenfalls, dass es der erste Film ist, den ich gesehen habe, der der Arbeit einer der wichtigsten Filmgruppen huldigt, nämlich jene der Stuntleute. Das bulgarische Original würde mich jetzt auch interessieren.

Als letztes wäre da dann noch Danny Boyles Slumdog Millionaire. Je länger ich darüber nachdenke – die Pressevorführung ist nun auch schon wieder ein paar Wochen her -, umso verärgerter bin ich eigentlich. Nicht unbedingt wegen der Qualität des Filmes, sondern vielmehr wegen dieses ganzen Kalküls. Der Film reiht sich in gewisser Weise nämlich nahtlos neben seine Oscarkollegen wie The Reader oder The Curious Case of Benjamin Button ein. Irgendwie habe ich langsam die Nase voll von all den Epikern, die nur auf Affekt und Pathos setzen und dabei dem Standardbackrezept folgen. Boyles Film wurde vorgeworfen, es handle sich um poverty porn und hierbei mag sicherlich auch etwas dran sein. Sicher, er erzählt sie alles andere als neue Geschichte des plötzlichen sozialen Aufstiegs recht interessant. Die Spielszenen sind spannender als mancher Thriller und der Laiencast ist auch nicht übel, aber ein Nachgeschmack bleibt eben, wie gesagt.

Fast schon interessanter ist dabei die Tatsache, dass man ob des settings permanent an die noch jungen Anschläge in der indischen Metropole denken muss. Etwas, das nicht gerade wenigen Filmen im Nachhinein anhaftetet, nur gerade hier wird eine märchenartige Geschichte erzählt, die letzten Endes nicht näher auf die sozialen Probleme eines riesigen Landes einzugehen vermag. Ich sag's einfach mal so: Würde er den Oscar für den besten Film des Jahres gewinnen (und das wird er aller Voraussicht nach auch) und damit Fincher auf seinen Platz verweisen, wäre ich nicht gerade verärgert (was ich ja sowieso schon bin seit feststand, dass The Wrestler hier nicht nominiert ist). Ach ja, Letzteren habe ich ausgelassen, da dieser nun wirklich eine volle Besprechung verdient hat.


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Das seltsame Manifest des Benjamin Milk


Manch einer mag sich vielleicht fragen, warum es hier in letzter Zeit so gut wie keine Reviews mehr gibt. Zurecht, denn in der Tat, die letzten Wochen dominieren ganz eindeutig die News (auch der nächste Podcast muss wohl bis zu den Semesterferien warten). Warum? Irgendwie bin ich die letzten Wochen etwas schreibfaul geworden, und außer Kurzreindrücken auf Twitter oder bei Cinefacts herrscht Ebbe, ja. Doch nun zur guten Nachricht: einige neue Reviews aus meiner Feder finden sich nun beim MANIFEST, wo ich heute mit Kritiken zu Gus Van Sants Milk und David Finchers The Curious Case of Benjamin Button quasi meinen Einstand feiere. Wer also weiterhin gerne von mir hören möchte, der sollte öfter mal vorbeischauen. Und ja, ich gelobe Besserung, und so wird man auch hier auf Equilibrium bald wieder Besprechungen finden (allen voran zu The Wrestler).


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81. Academy Awards: Die Nominierungen sind da


In genau einem Monat findet sie wieder statt, die Oscarverleihung. Und just in diesem Moment wurden die Nominierten für den (zumindest für Hollywood) wichtigsten Filmpreis der Welt bekannt gegeben. Viele Überraschungen gibt es nicht, im Gegenteil – business as usual. Heath Ledger bekommt seine Nominierung für The Dark Knight, Mickey Rourke eine Nominierung für die beste männliche Hauptrolle – alles andere wäre auch ein Unding gewesen – und Der Baader Meinhof Komplex leider eine für den besten fremdsprachigen Film. Der Rest der Liste, die bisher noch nicht ganz vollständig ist, schaut ebenfalls nicht besonders aus.

Gut, die Nominierung für In Bruges für das beste Originaldrehbuch freut mich sehr, aber den Rest teilen sich die großen fünf: Slumdog Millionaire, Milk, Frost/Nixon, The Curious Case of Benjamin Button mit 13 (!) Nominierungen und The Reader. Letztere beiden zumindest meiner Einschätzung nach zu Unrecht. Zugegeben, Finchers Film wurde ja auf diese Nominierungen hin konzipiert, ebenso Daldrys unsägliche Romanverfilmung. So richtig gönnen würde ich es ja sowieso keinem der Filme (wobei ich Frost/Nixon noch nicht gesehen habe), denn verdient hat es keiner, zu deutlich steht ihnen das Buhlen um ebenjene Trophähe ins Gesicht geschrieben. Interessanter wird es da schon in der Dokumentationskategorie, wo ich Werner Herzog den Preis wirklich gönnen würde, auch wenn er gegen Man on Wire leider den Kürzeren ziehen dürfte.

In Sachen Filmmusik fällt es mir eher schwer, einen Favoriten zu finden. Sowohl Defiance als auch Slumdog Millionaire hatten einen sehr guten Score (Letzterer dürfte sowieso beim Originalsong abräumen), wobei man beide natürlich überhaupt nicht miteinander vergleichen kann – nun ja, hauptsache nicht das Dahingeplätschere von Desplat (sowieso fehlt da ganz eindeutig Zimmer mit The Dark Knight, auch wenn mir einige massiv widersprechen würden).  Und wenn ich mich schon ärgere: Wanted hat gleich zwei Nominierungen bekommen, zwar unbedeutende, aber schon das ist schlimm genug.

Ich bin ja wirklich gespannt, was für eine Show da in vier Wochen auf uns zukommt …


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Golden Globe Awards 2009: Gewinner & Verlierer


Das Wichtigste vielleicht gleich zu Beginn: Nein, leider habe ich die Verleihung gestern Nacht nicht gesehen, da ich heute Morgen recht früh raus musste und es ja auch immer ewig dauert, bis es mal an die interessanteren Kategorien geht (die Oscars werden aber wieder mal komplett geschaut, das ist Pflicht). Und dennoch: die Liste der Gewinner erfreut mich größtenteils. Der Baader Meinhof Komplex hat nicht gewonnen, Mickey Rourke gewinnt absolut zu Recht für seine Rolle in The Wrestler, dem wohl besten Film diesen Jahres (Review folgt bald, ich weiß), dito Colin Farrell. Doch es gibt auch Aufreger, allen voran der Preis für Kate Winslet für ihre gar nicht mal so gute Rolle in dem gar nicht mal so guten, sondern grottenschlechten The Reader.

Ebenfalls sehr enttäuscht bin ich, dass Neil Patrick Harris den Award für seine Rolle in How I Met Your Mother nicht einsacken konnte – ein Skandal ist das, true story! Der Rest ist eigentlich das, was zu erwarten war, würde ich mal ganz dreist behaupten. Und da ich Danny Boyles Überfilm Slumdog Millionaire erst morgen sehe, gehe ich auf sein Abräumen auch gar nicht weiter ein, denn wer weiß, vielleicht bereue ich es morgen ja schon wieder, wenn ich es ihm heute gönne (was ich aber selber auch nicht wirklich glaube).


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'The Wrestler': Trailer zum neuen Aronofsky


Es wird ja bereits einiges zu den Oscars gemunkelt. Einer der sichersten Kandidaten dafür dürfte wohl Darren Aronofskys Neuer sein, The Wrestler. Wer ihn bereits gesehen hat, liebt ihn, und es scheint fast so, als könne man ihn gar nicht hassen, allen voran wegen Mickey Rourke, dessen Performance in alle Höhen gelobt wird. Und in der Tat, der Trailer (480p/720p/1080p), der lange auf sich warten lies, sieht extrem gut aus. Ganz im Gegenteil zu Rourke, dessen Gesicht eigentlich unbeschreiblich ist, gerade für diese Rolle aber perfekt sein dürfte. The Wrestler sieht nach einem perfekten Hybrid aus Film über Wrestling (gibt es zu diesem Komplex eigentlich bereits was ordentliches?) und subtilem, weil konträrem Arthouse aus. Deutscher Kinostart ist der 26.02.2009.

Ab Mitte Dezember dürfte dann auch ich endlich in den Genuss (?) kommen, und ich verspreche, dass ich so schnell wie möglich ein Review folgen lasse. Bleibt nur die Frage, ob das den Ärger darüber, dass uns der Film erst nach der Vergabe des Goldenen Jungen gezeigt wird, nicht noch weiter verstärken dürfte … (denkt eigentlich niemand an so etwas? Die meisten der diesjährigen Kandidaten gab es für den deutschen Kinogänger ja auch erst im Februar oder sogar noch später)


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Nutshell 13.02.08

Nach ewig langer Zeit mal wieder ein Nutshell, da heute ja doch recht viel passiert ist.

24 wird vor 2009 wohl nicht ausgestrahlt werden – nein!‘Sparrow’

Neue Bilder zu Indiana Jones IV

Das erste Videomaterial zu Aronofskys The Wrestler

Posterkünstler John Alvin stirbt im Alter von erst 59 Jahren

Fox plant eine Monsterbox zu AVP

Thomas Groh über Johnnie Tos Wettbewerbsbeitrag Sparrow (Man jeuk)

Michael Bay scheint das 'Drehbuch' zu Transformers 2 fertig gestellt zu haben


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