Marcus Stiglegger (Hg.): 'David Cronenberg'


David Cronenberg. Ein Name, der im Mainstream noch immer nicht ganz angekommen zu sein scheint. Gott sei Dank. In den letzten Jahren mag sich das etwas geändert haben, hat Cronenberg doch die Pfade des body horrors verlassen und sich Filmen zugewandt, die für viele Zuschauer 'offener' sein dürften. Viele seiner Fans nahmen ihm Filme wie Eastern Promises oder A Dangerous Method (der in der Tat eine herbe Enttäuschung ist) übel, sind sie doch bei weitem nicht so verstörend und verschlüsselt wie seine früheren Werke Videodrome oder Crash, die ich bis heute für seine interessantesten Filme halte. Letzterer wurde 1996 in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury geehrt, stößt ob seiner Sexualmoral bei vielen aber bis heute noch auf Unverständnis. Das bemerkt zumindest Cristina Nord in David Cronenberg, dem umfangreichen Sammelband zum kanadischen Regisseur, die zwar lange auf sich hat warten lassen, nun aber in ihrer vollen Pracht erhältlich ist. Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger hat das 320 Seiten starke Buch herausgegeben und bietet darin eine nicht nur umfangreiche, sondern vor allem aufschlussreiche Übersicht zu den Filmen Cronenbergs. Nach einem Vorwort, in dem Manfred Geier ganz persönliche Parallelen zu seinem und Cronenbergs durchaus erlebnisreichen Leben zieht, führt uns Marcus Stiglegger in den Cronenberg'schen Kosmos ein.

Im ersten Drittel des Werkes fokussieren sich die Essays auf Cronenbergs Filme im Gesamtkontext. So klärt uns Stefan Höltgen, ein ausgewiesener Cronenberg-Kenner, beispielsweise über filmische Räume in Cronenbergs Werk auf, während Bettina Papenburg über eines der bedeutendsten Motive Cronenbergs schreibt: den (offenen) Leib. Der Rest des Buches konzentriert sich schließlich auf die einzelnen Filme und lässt dabei keines seiner Werke aus (selbst seine Kurzfilme werden hinreichend geehrt). Natürlich dient der Sammelband weniger der ausführlichen Interpretation der einzelnen Werke, als vielmehr der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Film unter einem bestimmten Aspekt. Im Essay zu Videodrome betrachten Hermann Kappelhoff und Daniel Illger auf sechs Seiten die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung. Etwas später – die Filme sind chronologisch geordnet – untersucht Cristina Nord Crash dann auf seine Körperflüssigkeiten und seine Symbiose aus Fleisch und Metall, und kommt zu dem Schluss: "Ein Bild fickt das andere." Letztere finden sich auch im Buch zuhauf; dienen aber weniger der Illustration, als vielmehr der Beweisführung. Auch sind sie nicht seitenfüllend und kunterbunt (und laufen damit Gefahr, den Leser vom Wesentlichen abzulenken), sondern passend platziert und in schlichtem schwarz-weiß gehalten.

Die Texte selbst benötigen aber auch die gesamte Aufmerksamkeit des Lesers, denn sie lassen sich nicht mal eben so überfliegen, sondern gehen stets film-, kultur- und medienwissenschaftlich an ihr Sujet heran. Wer also ein einfaches Nachschlagewerk zu David Cronenberg sucht, der ist hier an der falschen Adresse. Der Leser muss hier nämlich gewillt sein, sich nicht nur mit akademischer Sprache auseinander zu setzen – auch relevante wissenschaftliche Ansätze werden vorausgesetzt. Dafür dringt die Aufsatzsammlung dann aber auch ins Innerste des Gesamtwerks vor, das in seinen Motiven und Intentionen schier unerschöpflich ist. Mit den Autoren, die von Georg Seeßlen über Fritz Göttler, bis hin zu Filmemachern wie Dominik Graf reichen, hat man die Crème de la Crème der deutschen Filmpublizistik vereint (gewidmet ist das Buch übrigens dem in diesem Jahr Verstorbenen Michael Althen). Formal ist das Paperback ebenfalls auf höchstem Niveau angesiedelt, können sowohl das hochwertige Papier, als auch die schönen Screenhots voll und ganz überzeugen. Für Filmfreunde, für die ein Film nicht einfach nur unterhalten soll, ist David Cronenberg ein Pflichtkauf.

David Cronenberg – film: 16 ist im November im Bertz + Fischer Verlag erschienen und ist für 19,90 EUR entweder direkt über den Verlag (versandkostenfrei) oder alternativ über Amazon (Partnerlink) beziehbar.


Tags , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

60. Internationale Filmfestspiele Berlin


Es ist mal wieder so weit, die Berlinale, die in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag feiert, steht vor der Tür. Heute abend um 20.00 Uhr wird sie dann offiziell von Dieter Kosslick und Jurypräsident Werner Herzog eröffnet. Ganze 11 Tage stehen wieder Filme, Filme und nochmals Filme auf dem Programm – gut, und das ganze Drumherum eben. Wer wie ich nicht dabei sein kann, der kann dem Geschehen rund ums Festival aber auch außerhalb Berlins folgen. 3sat überträgt heute die komplette Eröffnungsgala, die von Anke Engelke moderiert wird (ich will die Bauerfeind zurück!). Auch wird es wieder ein nahezu tägliches Berlinale Journal geben, das ich in den letzten Jahren neben dem Internet eigentlich immer als beste Quelle für alles rund um die Berlinale empfand. Apropos Internet: auch hier gibt es in diesem Jahr wieder eine Berichterstattung, die eigentlich nichts zu wünschen übrig lassen dürfte. An erster Stelle möchte ich hier das Blog von Kollege Thomas Groh nennen, der in den letzten Jahren immer wieder auch (neben kompetenten Filmeindrücken) mit schönen bis kuriosen Geschichten abseits des Roten Teppichs erfreute.

In diesem Jahr ist er aber hauptsächlich für den Perlentaucher tätig, zusammen mit seinen Kollegen Lukas Foerster und Ekkehard Knörer – von den letzten beiden gibt es übrigens auch im Blog von Cargo Lesenswertes. Ebenfalls einen Blick wert ist das Berlinale-Blog des epd, bei dem es unter anderem von Dr. Stefan Höltgen und Jörg Buttgereit tägliche Updates geben wird. Und auch die taz hat natürlich tägliche Updates aus der Hauptstadt. Eine schöne Auflsitung aller Onlinemedien, die berichten, findet sich übrigens auch bei Movies & Sports. Um noch einmal aufs Fernsehen zurück zu kommen: ebenfalls nicht uninteressant ist das Einsweiter Berlinale Tagebuch auf Einsfestival, das vom 11. bis 20. Februar täglich ab 20.00 Uhr zu sehen ist und sich offensichtlich an ein jüngeres Publikum richtet, nichtsdestotrotz aber oftmals 'quirlige' Berichte hat. Natürlich darf auch das 'alte' Medium Radio nichr fehlen, hier sei Deutschlandradio Kultur genannt, das ebenfalls mit täglichen Berichten und Specials aufwartet. Hoffen wir so gerüstet also auf eine spannende 60. Berlinale mit vielen tollen Filmen.

Foto: Blogging Dagger


Tags , , , , , , , , , , , , , , , ,
Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: