Der Gentleman unter den Killern: 'Killer Joe' Blu-ray Review


Ganze sechs Jahre ist es schon wieder her, als William Friedkin seinen Paranoiathriller Bug in die Kinos brachte. Nun meldet er sich mit Killer Joe zurück, einem Film, der bereits im Vorfeld für viel Aufsehen sorgte. Ein R-Rating wollte ihm die MPAA nicht geben, stattdessen gab es das gefürchtete NC-17-Rating, was natürlich seine Runden machte. Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest freute man sich dann auch besonders, dass man Friedkins Neuen zu sehen bekam – ungeschnitten natürlich. Der Tenor war dann auch recht einstimmig, Friedkin melde sich mit einem Paukenschlag zurück und der titelgebende Killer Joe Matthew McConaughey habe eine der Rollen seines Lebens. Man muss ihnen durchaus zustimmen, denn Killer Joe hält nicht nur, was er verspricht, sondern hat auch noch einen McConaughey, den man nach dieser Rolle nie wieder so sehen wird wie zuvor. Es ist in erster Linie McConaugheys Film, der eine Präsenz an den Tag legt, die ihresgleichen sucht. Sicher, die Figur ist sehr gut geschrieben, aber McConaughey verleiht ihr zusätzlich eine Intensität, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft.

Da steht er, mit Hut, Mantel und Handschuhen bewaffnet und einem Akzent, der das alles noch verstärkt. Vielleicht denkt man kurz, dass er auch nur einer dieser Trailer-Park-Jungs ist, die viel Bier saufen und ihre Frauen schlagen, aber nein, nicht Joe Cooper; er ist so etwas wie der kultivierte Gentleman unter dem White Trash. Es ist gerade diese Ambivalenz, die die Figur Joes ausmacht – irgendwo zwischen kultiviert und roh reiht sie sich ein. Bis zuletzt glaubt man irgendwie, dass dieser Mann des Gesetzes trotz seines Nebenjobs ein Mann der Ehre ist. Und irgendwie ist er das auch. Auf eine ganz komische Art und Weise. Seine Taten sind abscheulich, aber wie er sie begeht und rechtfertigt ist das Interessante an Friedkins Film. Dabei wird natürlich wie immer heißer gekocht als gegessen, denn Killer Joe ist zwar roh und hart, aber keinesfalls ein Film, dem man die Freigabe verweigert (wie hierzulande). Dass Friedkin in den USA das NC-17-Rating hinnehmen musste, verwundert angesichts der nackten Tatsachen nicht. Dass der FSK hierzulande aber der schwarze Humor des Ganzen völlig abgeht, ist schon ein Trauerspiel.

Friedkin macht im Laufe des Filmes kein Hehl darauf, dass es sich bei der Verfilmung des Theaterstücks Killer Joe um eine schwarze Komödie handelt. So hart das streckenweise auch klingen mag, so nachvollziehbar ist es wiederum in gewissen Momenten. Kein Filmmoment hat mich in diesem Jahr so lauthals zum Lachen gebracht wie der Höhepunkt von Killer Joe, der für die FSK ausschlaggebend war, dem Film die Freigabe zu verweigern. Und Friedkin, der sich dazu geäußert hat, hat natürlich recht: Es ist unmöglich jene Szene so zu schneiden, ohne dass die Wirkung völlig verloren gehen würde. Das bemerkt jeder, der den Film in der ungeschnittenen Fassung sieht – außer unseren deutschen Behörden natürlich. Es gibt so viele Anhaltspunkte, die verdeutlichen, dass es Friedkin hier nicht etwa um den Selbstzweck geht, sondern um einen rabenschwarzen Blick auf die amerikanische Familie, die als das Heiligste angesehen wird. Thomas Haden Church ist hier ein einziges White-Trash-Klischee, dito Gina Gershon.

Killer Joe ist ein Schlag in die Fresse, wie ihn Joe Cooper im Film des Öfteren austeilt. Man weiß manchmal nicht, ob das nun gerade wirklich so passiert oder ob man gerade einen surrealen Moment erlebt, wie jener in Neonfarben getauchte, wenn Emile Hirsch und Thomas Haden Church im Stripschuppen ein Bier trinken. Friedkin versteht es nämlich auch visuell ausgezeichnet eine permanent bedrohliche Atmosphäre aufrecht zu erhalten, die gleichzeitig abstößt, aber auch unglaublich fasziniert (der Regen, der kläffende Hund, das schmierige, asige Umfeld). Friedkin hat mit Killer Joe eine bitterböse Satire geschaffen, die brutaler Psychothriller, schwarze Komödie und packendes Schauspielkino zugleich ist. Nicht wundern, wenn man in einigen Wochen auf vielen Top-Ten-Listen "Suck it!" lesen wird – das passt so. (9/10)

Die Blu-ray von WVG Medien erscheint morgen (Amazon-Partnerlink) und ist nach einem langen hin und her in ungeschnittener Fassung erhältlich. Erst hieß es, dass es auch eine gekürzte FSK-18-Fasung geben würde; nachdem die FSK aber auch dieser Fassung die Freigabe verweigerte, bringt WVG Medien nun nur die SPIO/JK geprüfte Version auf den Markt. Mit dem Urteil 'keine schwere Jugendgefährdung' droht der Scheibe aber jederzeit eine Indizierung und sie müsste in solch einem Fall sofort aus dem Handel genommen werden. Davon abgesehen wird die Blu-ray dem Film technisch absolut gerecht, denn Bild und Ton können restlos überzeugen. Das Bild ist knackscharf (selbst in den vielen Nachtszenen) und der Ton sorgt an den richtigen Stellen für mächtig Druck. Die Erstauflage kommt zudem mit einem O-Card-Schuber.


Tags , , , , , , , , , , , , , , ,

Trailer zu William Friedkins NC-17 Thriller 'Killer Joe'

Sechs Jahre ist es schon wieder her, dass William Friedkin mit Bug einen Film in die Kinos brachte. Nun meldet er sich mit einem recht großen Knall zurück. Nicht etwa, weil er nach all den Jahren endlich wieder einen Film gemacht hat, sondern weil Killer Joe auch nach einem Einspruch bei der MPAA mit einem NC-17-Rating 'bedacht' wurde. Doch auch der Film selbst scheint recht interessant zu werden, die der Trailer eindrucksvoll zeigt. In Venedig bekam Friedkin im letzten Jahr dafür die 'Golden Mouse'. Emile Hirsch heuert Detective Matthew McConaughey an, seine Mutter zu töten, so dass er ihre Lebensversicherung kassieren kann. Natürlich läuft dieses Vorhaben alles andere als nach Plan … Mit Texas-Boy McConaughey scheint Friedkin bei der Besetzung ein glückliches Händchen gehabt zu haben, zumal man ihn nicht gerade oft in der Rolle des bad guy zu sehen bekommt. US-Start ist am 27. Juli.

(Via The Playlist)


Tags , , , , , , , , ,

Die scharlachrote Verführerin: 'Easy A'


Dass das Leben eher selten wie in einem 80er Jahre Teen-Film aus der Feder John Hughes ist, das hat jeder festgestellt, der einmal jung war und zur Schule ging. Ein Leben wie in diesen Filmen wünscht sich auch Olive (Emma Stone), die es an ihrer High School alles andere als einfach hat. Nicht, dass sie ein Outsider wäre, nein, aber so richtig angesagt ist sie an ihrer Schule auch nicht – und jeder, der einige High-School-Filme gesehen hat, weiß, dass es meist darum geht den Alphatieren oder zumindest deren Gruppe anzugehören. Olive begeht einen Fehler, der eigentlich ein Gefallen ist, doch dieser soll scherwiegend Folgen nach sich ziehen, denn plötzlich ist ihr Name in aller Munde. Bereits in seiner Prämisse verkehrt Easy A damit herkömmliche Genretopoi und macht aus Olive nicht etwa einen Heldin, sondern eine Art Anti-Heldin – eine Schülerin, die zwar jeder kennt und über die jeder spricht, aber nicht etwa wegen ihrer awesomness, sondern ihrer skankyness. Olive ist ein Flittchen, ein leichtes Mädchen, das die anderen Mädchen hassen und die Jungs vergöttern. Olive, der Maneater.

Dabei hat Olive das alles gar nicht nötig. Sie hat ein lässiges Elternhaus, eine Mutter (Patricia Clarkson) und einen Vater (Stanley Tucci), mit denen sie über alles sprechen kann, und sowieso alle Freiheiten, die sie will. Genau hierin liegt aber auch die Krux: sie ist ein Gutmensch, der es jedem recht machen möchte und sich selbst als letztes sieht. So sieht es zumindest anfangs aus, denn schnell erkennt Olive, dass das Leben als vermeintliche Schlampe auch jede Menge Vorteile mit sich bringt, allen voran finanzielle. Es ist ihr dabei egal, was die anderen über sie denken, nur Eltern und Lehrer, Menschen, an denen sie hängt, will sie nicht verletzen, was ihr nur bedingt gelingt. Regisseur Will Gluck gelingt mit Easy A hingegen fast alles. Geschickt spielt sein Film mit allem, was rund um die High School passiert. Die Schule ist weniger Ort der Wissensvermittlung, als vielmehr Hort von Gerüchten, sozialen Hierarchien und allerlei sonstigen weirdos. Schule quasi als Sodom und Gomorrha. Auch Themen wie Andersartigkeit, in Form von religiösem Fanatismus oder Homosexualität, spricht Easy A subtil an und trifft dabei stets die richtigen Töne. Es ist schließlich egal, was die Anderen denken, Hauptsache man selbst ist glücklich und findet Gleichgesinnte, was sich vor allem in einer der letzten Szenen humorvoll und treffsicher manifestiert.

Dabei zieht Easy A immer wieder Parallelen zu John Hughes' Filmen, sowie zu The Scarlett Letter, dessen postmoderne High-School-Variante Easy A sein möchte. Das gelingt Gluck auch zu einem Großteil, denn neben all den Anspielungen und dem nicht nur namhaften, sondern auch herrlich-leicht aufspielenden Cast, weiß Easy A auch technisch zu gefallen. Nicht, dass man Glucks Ideen nicht schon gesehen hätte, aber wie er sie montiert weiß durchaus zu gefallen. Aber es gibt doch ohnehin High-School-Komödien wie Sand am Meer, mag der eine oder andere nun monieren. Das ist richtig, aber Easy A ist auch so etwas wie ein Abgesang auf diese, denn er deutet nicht nur viele Motive um, sondern spricht diese auch direkt an. Natürlich gibt es auch hier ein love interest für Olive, samt Happy End, nur der Weg bis dahin ist nicht etwa origineller, sondern ehrlicher. Hier gibt es kein Coming-Out des schwulen Schülers, sondern einen Abschiedsbrief samt Flucht und Lover. Hier gibt es die Trennung als Konsequenz eines Seitensprungs, nicht etwa den Mantel des Schweigens. Die Wahrheit ist eben oft unschön – genau wie die Frisuren in den 80ern. John Hughes wäre stolz auf diesen Film, ganz sicher. (7.5/10)


Tags , , , , , , , , ,