Whiskey und Country, unser täglich Brot: 'Crazy Heart'


Es kommt wie jedes Jahr pünktlich zur Award-Season, das typische Oscarmaterial. Im letzten Jahr war es David Finchers Obergurke The Curious Case of Benjamin Button, 2010 gibt es gleich eine ganze Reihe von diesen Filmen, denen man zu jeder Sekunde ansieht, dass sie für die Augen der Oscarjury gemacht wurden. Natürlich wäre hier The Blind Side (Besprechung folgt) zu nennen, konservativ-reaktionäres Kino der selbstgefälligsten Sorte. Nicht minder kalkuliert scheint aber auch Crazy Heart, eine Art diesjähriger The Wrestler, nur geht es eben statt um einen Wrestler um einen Countrysänger. Jeff Bridges darf hier einen ebenso erfolglosen alten Hasen wie Mickey Rourke mimen und wird damit nicht minder über den Klee gelobt wie im letzten Jahr Rourke. Crazy Heart verfügt dabei über die üblichen Muster und Sequenzen, die solch eine Art Oscardrama benötigt.

Bad Blake (Jeff Bridges) spielt sich mit seinen alten Countrysongs die Seele aus dem Leib, den Rest erledigt der Alkohol, dem er noch deutlich mehr zugewandt ist als seiner Karriere, die ihn seit Jahren ohnehin nur noch in die schäbigsten Bars des Landes führt. Dabei ist es aber durchaus erstaunlich, wie gut Bridges den abhalfterten Musiker gibt, allen voran auch deshalb, weil seine Stimme sicherlich nicht gerade die schlechteste ist, im Gegenteil.

Keine Frage, Bridges war schon immer ein toller Schauspieler, das hat er unter anderem in Arlington Road bewiesen, einer seiner besten Rollen. Es ist vielmehr das 'was', das Bridges hier spielen muss. Es wirkt dabei schon fast so, als hätte man eine Merkliste abzuarbeiten, denn wenn Bridges mal gerade nicht am Frauen anbaggern ist, dann trinkt er sich bis in den Schlaf. Alles ist seinem Bad Blake egal, erst recht sein Manager, den er immer wieder wüst beschimpft. Natürlich gibt es einen Grund für all diesen Zorn, den er mal mehr, mal weniger in sich hineinfrisst: Tommy Sweet (Colin Farrell), ein deutlich jüngerer Countrysänger, der Blake nicht mehr allzu viel Ruhm in der Branche übrig lässt. Ja, das Alter eben. So muss sich Blake dann auch jeden Tag aufs Neue aufraffen, erst recht mit all dem Alkohol im Blut. Eines Tages findet er in Jungjournalistin Jean (Maggie Gyllenhaal), die ebenfalls deutlich jünger ist als er, eine neue, wenn auch ungleiche, Liebe. Besitzt dieser Mensch, der ein Schatten seiner selbst ist, wirklich so viel Charme und Charisma, dass er Frauen, die seine Tochter sein könnten, rumkriegt? Hollywood as Hollywood can.

Doch damit ist die Merkliste jedoch noch lange nicht abgehakt, denn diese Harmonie muss naturgemäß aus dem Gleichgewicht gebracht werden, nur um am Ende wieder ins Gleichgewicht zu kommen, zumindest grob. So sieht Blake erst deutlich zu spät ein, welch große Probleme er eigentlich hat, zu spät, denn er hat bereits einen fatalen Fehler begangen, der das Idyll erst einmal zerstört. Maggie Gyllenhaal ist bei alledem zwar gut und wie immer äußerst nett anzuschauen, nur ist auch hier das Problem, dass ihre Figur über ihren Schablonencharakter nicht hinauskommt. Sie hat die Schnauze voll von den Männern, wurde zu oft enttäuscht, sie ist allein erziehend und will natürlich nur das Beste für ihren kleinen Sohn, dennoch geht sie die Amour fou ein. Sie kann nur enttäuscht werden, das weiß sie und das weiß auch der Zuschauer. Es folgt das große Klimax, es kommt das, was nach all den Merklisten und Drehbuch-101-Kursen nur konsequent erscheint. Und schließlich durfte Bridges bis zu diesem Zeitpunkt auch oft genug zur Flasche greifen und auch dem Unaufmerksamsten deutlich gemacht haben, dass er ob seiner Karriere frustriert ist und deshalb das Heil im Whiskey sucht.

Natürlich ist die Geschichte an sich eine rührende, das war auch Finchers Film im letzten Jahr schon. Es sind einfach diese gewissen Tasten – allen voran die Mischung aus Kitsch und Pathos -, die man drücken muss, um den Zuschauer vereinnahmen zu können. Das ist mal mehr sichtbar, mal weniger. Nur, wer will schon offen gelegt bekommen, dass er gerade manipuliert wird? Da kann Maggie Gyllenhaal noch so oft die Augen schmerzhaft aufreißen oder Jeff Bridges noch so oft aus dem Bett plumpsen wie ein nasser Sack Kartoffeln, das Drehbuch kann dies einfach nicht ordentlich stemmen (wirft man einen Blick auf die Drehbuchentwürfe, dann wird einem noch übler ob einiger Sequenzen, die bei Verwirklichung dieser Entwürfe nahezu absurd gewirkt hätten). Was bleibt sind zwei tolle Protagonisten, die den Kampf gegen ein käsiges Drehbuch leider recht schnell verlieren. (6/10)


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