Tony Scott Retro: 'Crimson Tide'


Tony Scotts dritte Produktion mit Bruckheimer/Simpson und seine erste von insgesamt vier mit Denzel Washington ist auf den ersten Blick eigentlich kein typisches Scott-Gelände. Ein U-Boot-Thriller, das heißt enge Räume und kaum Bewegung – sowohl in den engen Gängen des Bootes als auch im Wasser selbst. Scott ist aber der Regisseur der schnellen Bewegungen, des Geschwindigkeitsrausches. Kampfjet, Rennwagen, um ihr Leben rennende Football-Spieler, sie alle eignen sich perfekt für Scotts schnelle Schnitte und rasante Kamerafahrten. Doch auch bei Crimson Tide gelingt es Scott – fast sogar noch besser als bei seinen anderen 'Bewegungs-Filmen' – ein Gefühl für die Gefahr des Ganzen zu vermitteln. Die U-Boot-Gänge sind äußerst eng, die U.S.S. Alabama gleitet in 900 Fuß Tiefe durch den Pazifik, und dennoch ist nicht nur die Gefahr, sondern auch die Angst immanent.

Scott beweist hier wie bei keinem seiner vorherigen Filme, welch ein inszenatorischer Meister er doch ist. Ein einfaches Stilmittel wie sein geliebter Dutch Angle wird hier zu einem Vermittler von Hektik, Hitze und schließlich Angespanntheit und Angst. Egal ob auf der Brücke oder im Maschinenraum, jedes Deck, jede Luke und jeder Raum wird zum 'War Room'. Scott schürt jedoch nicht erst im Boot die Gefahr und Angst, sondern bereits in der Exposition, wenn er ein erschreckend reales Szenario vermittelt, das nicht nur die Existenz seiner Protagonisten aufs Spiel stellt, sondern die der gesamten Menschheit. Zimmers Musik (eine seiner besten Arbeiten überhaupt) ist dabei so omnipräsent bedrohlich, dass es einem bisweilen kalt den Rücken hinunterläuft. Das Pathos des Filmes verkommt hier keinesfalls zum Kitsch wie in einigen seiner anderen Filme.

Crimson Tide ist auf jeglicher Ebene perfekt. Das Drehbuch, das von Tarantino und Sorkin aufgebessert wurde (was in vielen Szenen überdeutlich wird), funktioniert hervorragend und ist so viel mehr als das Männerduell zwischen Washington und Hackman, die sich beide den Arsch abspielen! Technisch holt Scott alles raus, was möglich ist und ist noch weit weg von seinen späteren visuellen Spielereien (die ich nichtsdestotrotz mag). Scotts bester Film. Ohne jeglichen Zweifel.


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Tony Scott Retro: 'True Romance'


Es dauert ziemlich lange bis man ansatzweise erkennt, dass es sich bei True Romance um einen Film von Tony Scott handelt. Nur im Ansatz, weil zirka 80% des Filmes Tarantinos Sprache sprechen. Die restlichen 20% gehen auf Scotts Kappe (haha!), was man vor allem gegen Ende bemerkt. Erst hier gibt es schnelle hektische Schnitte (Shootout) und den einen oder anderen Dutch Angle (die lauschenden Cops, der angeschossene Clarence). Und die letzte Einstellung ist dann auch eine untergehende Sonne – da bedarf es dann auch keinen End Credits, die sagen, dass es sich um 'A Film by Tony Scott' handelt. Dass es weniger Scotts und vielmehr Tarantinos Film ist, ist gar nicht weiter schlimm, denn bereits The Last Boy Scout war mehr Black als Scott. Und auch für sein nächstes Werk, Crimson Tide, nahm Tarantino wieder die Feder in die Hand.

Es sind vor allem kleinere Details, die Scotts Handschrift tragen: Dennis Hopper hat einen Hund (Scott liebt Haustiere!) und während er sich sein legendäres Wortgefecht mit Christopher Walken liefert, läuft im Hintergrund 'Sous le dôme épais'. Scott führt mit True Romance quasi weiter, was er mit The Last Boy Scout angefangen hat, nämlich den harten Actionthriller mit viel comic relief, der nicht unbedingt seinen Stempel trägt, dessen Einfluss aber durchaus wahrnehmbar ist (Scott hat einige Änderungen an Tarantinos Drehbuch vorgenommen). True Romance hat keinerlei Alterserscheinungen und funktioniert auch fast 20 Jahre später noch perfekt – auch, weil ich mich bei Tom Sizemore immer noch regelmäßig wegschmeiße! Er ist und bleibt für mich (zusammen mit Chris Penn) das heimliche Highlight des Films.


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Tony Scott Retro: 'The Last Boy Scout'


Das ist vor allem viel Shane Black und wenig Tony Scott. Nur selten scheinen Scotts Trademarks durch, am ehesten noch in den Actionszenen. The Last Boy Scout ist keinesfalls ein schlechter Film, im Gegenteil. Nur ist er eben nicht unbedingt als ein Film von Tony Scott wahrnehmbar; zudem steht Scott das 'Ernste' doch deutlich besser zu Gesicht als eine Buddy-Actioncomedy (was ja schon in Beverly Hills Cop II deutlich zu sehen war). Der Film fußt zu 75% auf Shane Blacks Drehbuch, für die restlichen 25% brauchte man dann noch einen Regisseur, der sein Handwerk versteht und der vor allem auch Ahnung von Action hat. Und da wundert es nicht, dass Scott der go-to-guy war. Neben Blacks Einfluss trägt das Ganze natürlich auch Joel Silvers Handschrift, mit dem Scott hier das erste Mal zusammenarbeitete. Ansonsten muss man sagen, dass The Last Boy Scout ziemlich gut gealtert ist, denn auch wenn er von Filmnerds bis heute zu Tode zitiert wurde, stimmen die action set pieces, sowie das Timing noch immer.


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Tony Scott Retro: 'Days of Thunder'


Es hat den Anschein, als käme Maverick auf seiner Harley (?) direkt von seiner (ehrenhaften) Entlassung aus der Navy. Er hat den Tod von Goose noch immer nicht verkraftet und sucht sich nun ein neues Adrenalin-haltiges Hobby. Er landet schließlich bei Robert Duvall und Randy Quaids Team, bei dem er fortan als NASCAR-Fahrer den Kick sucht und findet. Es ist genau dieser Shot mit Cruise auf dem Motorrad vor der untergehenden Sonne, die das Scope-Bild orangener nicht färben könnte, das zu dieser Annahme verleitet und uns so bekannt vorkommt.

Und natürlich die Tatsache, dass Days of Thunder ein Quasi-Remake von Top Gun ist – nur mit Rennautos statt Kampffliegern. Der Werdegang Cruises vom Hotshot zum Gewinner ist dabei fast noch etwas platter als in Top Gun, die Konflikte nicht wirklich interessant oder von Bedeutung. Das Mädchen in Form seiner späteren Frau Nicole Kidman bekommt er ja ohnehin – egal, wie oft er den Karren (buchstäblich) gegen die Wand fährt. Es liegt vielleicht auch zu einem nicht unerheblichen Teil daran, dass mich Autorennen nicht das Geringste interessieren, aber bei meiner Erstsichtung von Days of Thunder wollte der Funke einfach nicht überspringen.


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Tony Scott Retro: 'Revenge' (Director's Cut)


Was für eine Exposition! Kevin Costner brettert in der F-14 über die mexikanische Wüste, vorbei an der gerade untergehenden Sonne, die das gesamte Bild in ein knalliges Orangebraun taucht, das einen die Gefahr und die schwüle Hitze geradezu spüren lässt. Eine offensichtliche Reminiszenz an Top Gun, deren kurze Flugszene ebenfalls beeindruckt. Etwas gemächlicher geht es dann weiter und die 'gefährliche Affäre' (so der deutsche Zusatztitel) nimmt ihren Lauf. Dabei beweist Scott einmal mehr sein glückliches Händchen für das Casting, denn allein Anthony Quinn als Mobster lässt es einem schon kalt den Rücken herunterlaufen. Im Laufe des Filmes erscheinen immer mehr dieser teils (seelisch) vernarbten Kerle, denen sich Scott auch in seinen späteren Filmen vorzugsweise annimmt. Revenge ist im Prinzip nichts anderes als eine cheesy love story im Hartes-Männer-Kino-Gewand, die – und das konnte man schon in The Hunger beobachten – immer wieder von plötzlich hereinbrechenden (sexuellen) Gewaltmomenten durchdrungen wird.

Leider konterkariert Scott diese bedrückend-heiße Atmosphäre, in der man den Schweiß der Männer zu riechen glaubt, immer wieder durch kurze Momente, die nicht so ganz in das Gesamtbild passen wollen. Am deutlichsten wird das wohl mit dem Jungen, der gern ein Mädchen wäre und irgendwann gar nicht mehr aufgegriffen wird (vielleicht will er aber keine gescheiterte Existenz wie all die anderen Männer im Film werden und gibt sich deshalb als Mädchen aus …). Stilistisch fährt Scott seine Schiene konsequent fort: Vorhänge an offenen Fenstern wehen im Wind, weiße Tauben fliegen überall und in der entscheidenden (Sex-)Szene zwischen Costner und Stowe gibt es einen Dutch-Angle-Shot. Am Ende liegt die Frau, für die unzählige Männer in 100 Minuten draufgegangen sind, tot in Cochrans Armen. Und wieder hat es den Anschein, als hätte Scott damit den Weg für das Kino der 90er vorgegeben.


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Tony Scott Retro: 'Beverly Hills Cop II'


So richtig will man nicht glauben, dass es sich um einen Tony-Scott-Film handelt. Sicher, es gibt einige Anzeichen dafür, dass es doch so ist, am offensichtlichsten ist da der Wechsel vom 1.85:1-Bild zum 2.35:1-Bild (es ist der einzige in der Reihe, der das Scope-Format nutzt) oder die Rückkehr der Tauben im Lagerhaus, aber irgendetwas fehlt. Man merkt Beverly Hills Cop II jedenfalls deutlich an, dass Scott Simpson/Bruckheimer wohl nur einen Gefallen tat, die ihn nach Top Gun unbedingt als Regisseur für das Sequel haben wollten. Natürlich schlägt sich das vor allem im Look des Filmes nieder, der einmal mehr in knallige Orangetöne getaucht ist und jeden Sonnenuntergang voll ausreizt, aber vor allem auf Plotebene ist das einfach nur eine äußerst mediokre Fortführung der Geschichte und vor allem Figuren.

Taggart hat auf einmal Eheprobleme? Rosewood hat einen Pflanzen- und Waffen-Fetisch? Hinzu kommt, dass die Bösewichte, äußerst blass bleiben, obwohl oder gerade weil es so viele sind. Auch die Anspielungen auf First Blood, Cobra und Co. wirken etwas zu forciert und deplatziert. In den Actionszenen am Ende dringen sie dann wieder ein klein wenig durch, die Tony-Scott-ismen. Bis zum Finale muss man aber viel zu lange warten – und sich viel zu viele Dialoge anhören (die so heute teils nicht mehr möglich wären). Gott sei Dank ist Scott nie wieder zu diesem jobber geworden.


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Tony Scott Retro: 'Top Gun'


Es ist schon erstaunlich, welchen Richtungswechsel Scott mit seinem zweiten Spielfilm vollzieht. Vom Vampir-Horror-Thriller im avantgardistischen '80s-Look zum Action- beziehungsweise Sportabenteuer. Top Gun ist ein Kind des 80er-Jahre-Kinos, und das nicht nur wegen der Frisuren und der Musik, die in The Hunger noch deutlich weniger nach 80ern aussahen als vier Jahre später bei seinem 100-minütigen Musikvideo. Wenn Top Gun mit seiner slicken Optik überhaupt etwas ist, dann dieses überlange Musikvideo, das – und würde ich es nicht so lieben, wäre es fast schon ein Vorwurf – Harold Faltermeyers 'Memories' bis zum Erbrechen wiederholt (aber meine Güte, wenn Maverick den toten Goose in den Armen hält und Faltermeyers Pathos erklingt, dann habe ich Pipi in den Augen!) und bisweilen sogar an gänzlich unpassenden Stellen gespielt wird. Das so oft zitierte Werbevideo für die US Navy erkenne ich darin aber keinesfalls. Die Gefahren, die das alles mit sich bringt – die im Tod von Goose ihren Höhepunkt finden – werden oft genug drastisch veranschaulicht. Und selbst Draufgänger Maverick ist kein unbesiegbarer Mann ohne Gefühle.

Der homoerotische Subtext ist hingegen kaum zu verleugnen: Von den vielen Dialogfetzen, die aneinander gereiht ziemlich eindeutig sind, mal ganz abgesehen, verliert Maverick zwar das Mädchen, bekommt am Ende aber Iceman, mit dem ihn von Beginn an eine Hassliebe verbunden hat. Und ein guter Kamerad ist immer noch mehr wert als jede Frau, wie Top Gun ebenfalls deutlich macht (deswegen aber noch lange nicht als Werbespot durchgeht). Die enge Kooperation mit dem Pentagon geht Scott wohl vielmehr deshalb ein, weil es ihm atemberaubende Aufnahmen beschert, die ohne diese Kooperation definitiv nicht möglich gewesen wären. 10.000 Dollar kostete allein der Sprit für eine Stunde Flug mit der F-14 … Weniger bei den Flugszenen (die temporeich genug sind) als vielmehr bei den Helikopter- oder Motorrad-Szenen ist es auffällig, dass Scott in Top Gun keine seiner beliebten und bei The Hunger eingeführten Spielereien nutzt: keine Freeze Frames, kein Speed Ramping und vor allem keinen einzigen Dutch Angle. Dafür taucht er seinen Film in knallige Orangetöne und nutzt jeden Sonnenuntergang, den er kriegen kann. Michael Bay ist ihm dafür wohl bis heute dankbar.


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Tony Scott Retro: 'The Hunger'


Wer hätte gedacht, dass Tony Scott mit einem vor allem bildsprachliche sehr poetischen Horrorfilm begonnen hat, dessen bezaubernd schöne Catherine Deneuve erst mit David Bowie und dann mit Susan Sarandon rummacht? Scott sucht auch hier, gleich zu Beginn, den Exzess, den er mit all seinen späteren Trademarks zelebriert: Freeze Frames, Speed Ramping, Dutch Angles und eine Overall-Optik, die seine Herkunft aus der Werbung deutlich erahnen lässt. Offene Fenster überall, Tauben, die nur bei John Woo schöner fliegen und Vorhänge, die durch den Wind wehen, unterlegt mit klassischer Musik. Am erstaunlichsten ist aber, dass The Hunger keinesfalls wie ein Film aus dem Jahre 1983 aussieht, sondern vielmehr wie ein Film aus den 90ern. Seine Geschichte wäre zehn Jahre später, nach der großen Vampirfilm-Welle, aber wohl viel zu spät gekommen, auch wenn er über genügend Alleinstellungsmerkmale verfügt (allein die Make-up-FX sind grandios). Es ist schon erstaunlich, wie dieses Erstlingswerk so gar nicht in Scotts Oeuvre passen will, sich aber auf visueller Ebene – und Scott war ein visual craftsman – dann doch wieder nahtlos einfügt. Nach dem intensiven, fast schon surrealen Finale stellt man sich nur eine Frage: Wieso hat sich Scott nie wieder an Horror versucht?


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