'Leben und Tod einer Pornobande' Blu-ray Review


Dass es Künstler nicht immer ganz einfach haben, ist hinlänglich bekannt. Goethe, Thomas Mann und viele andere (Künstler) setzten sich in ihren Werken immer wieder mit der Künstlerfigur auseinander, die sich im wahren, ökonomisch-getriebenen Leben nur selten behaupten kann, beziehungsweise ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen selten ausleben kann. So ergeht es auch Marko (Mihajlo Jovanovic), einem jungen Absolventen, der gerade sein Regie-Studium in Belgrad abgeschlossen hat und nun voller Tatendrang seine Wunschprojekte erfüllen will. Doch er merkt schnell, dass ohne Moos nix los ist, weshalb er sich mit kleinen Werbespots über Wasser halten muss. Geld von seinem wohlhabenden Vater möchte er nicht, dafür ist er zu stolz – und ohnehin hält sein Vater nicht sehr viel von Markos künstlerischen Ambitionen. Es kommt wie es kommen muss, Marko gerät recht schnell auf die schiefe Bahn und dreht fortan Pornos für einen schleimigen und undurchsichtigen Pornoproduzenten. Das bringt Marko zwar etwas Geld, aber wann immer er versucht seine künstlerischen Ambitionen in die Pornos einfließen zu lassen, ist der Produzent so gar nicht gut auf ihn zu sprechen. Er ist gefangen zwischen Kunst und Kommerz, wie einst Goethes Wilhelm Meister. Irgendwann muss man sich dann für eine Seite entscheiden. Doch Marko wählt einen Mittelweg, den es nur für sehr wenige Menschen gibt …

Es ist zumindest für mich persönlich durchaus erstaunlich, wie Serbien im Moment von sich reden macht. Nein, nicht etwa politisch – da macht es ja eigentlich permanent von sich reden -, sondern filmtechnisch. Serbien, nicht gerade ein Land, das für seine Filmindustrie bekannt ist, hat in den letzten zwei Jahren allerdings für mächtig Aufsehen auf dem internationalen Markt gesorgt, denn mit Leben und Tod einer Pornobande (Zivot I smrt porno bande) und aktuell A Serbian Film (Srpski film) ist es dem Balkan-Staat gelungen, von sich und seinem äußerst politischen Kino Reden zu machen. Natürlich zwingt sich auch ein Vergleich zwischen den beiden thematisch doch sehr ähnlichen Filmen auf, denn so gleich sie inhaltlich auch sind, so unterschiedlich sind sie in der Ausführung – und das trotz des gleichen Kameramanns. Während A Serbian Film viel mehr auf Schock und Affekt ausgelegt ist und dabei auf eine geleckte Hochglanzoptik setzt, spielt Leben und Tod einer Pornobande eher mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und fordert ihn letztlich um einiges mehr heraus. Das soll keinesfalls heißen, dass A Serbian Film ein schlechter Film ist. Er ist nur viel eher auf ein modernes Horror- und Exploitationpublikum zugeschnitten, das es kaum erwarten kann endlich den Film zu sehen, der meterhohe Wellen geschlagen hat und es durch kaum eine Zensurinstanz geschafft hat.

Angesichts dieser Tatsache ist es nicht mehr allzu verblüffend, dass Leben und Tod einer Pornobande in seiner ungeschnittenen Fassung ein kJ-Siegel bekam und somit im freien Handel verkauft werden darf. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch, wie sich die Rezeption solcher Filme entwickelt hat. Von der Realität meilenweit entfernte, auf Hochglanz polierte und an Exploitationfilme angelehnte Pseudo-Schocker wie A Serbian Film werden als jugendgefährdend eingestuft und schaffen es (uncut) erst gar nicht nach Deutschland. Dass man gerade damit aber den 'Blutsaugern' in die Hände spielt, versteht sich von selbst. Leben und Tod einer Pornobande hingegen setzt auf dreckigen, aber äußerst real-anmutenden Video-Look, der zudem im Doku-Stil daherkommt. So wirken die Snuff-Szenen im Film beispielsweise nicht vom Film abgesetzt, sondern vielmehr wie ein fester Teil des Filmes. Hier sind nicht nur die Kriegsaufnahmen hart und dreckig, sondern Markos ganze Doku ist es. Ferner hält die Kamera auch nicht immer voll drauf, sondern überlässt auch einige Dinge der Imagination des Rezipienten. Leben und Tod einer Pornobande ist auch deshalb ein tieferer Schlag in die Magengrube, weil sein Setting ein vollkommen anderes ist. Marko ist ein talentierter, fleißiger junger Mann und nicht etwa ein abgehalfterter Ex-Pornostar. Er ist unverbraucht, ihm nimmt man seine Ziele noch ab, ja fiebert sogar fast schon mit ihm.

Seine Fallhöhe ist damit auch viel größer als jene von Milos in A Serbian Film. Somit kann er sich natürlich auch zu einem viel größeren Monster entwickeln, für das man ganz am Ende fast schon wieder Mitleid empfindet – wie in einer klassischen Tragödie, die vom Aufstieg und Fall eines Helden berichtet, der durch unglückliche Umstände in sein Verderben rennt. Natürlich könnte Marko ganz einfach Schluss machen. Doch er hat nicht nur einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, sondern hat auch das Überleben der ganzen Gruppe zu verantworten, ist er doch deren Anführer und Vordenker. Es ist ein Teufelskreis, in den die Pornobande gerät, man empfindet aber nicht für jeden Mitleid, denn einige von ihnen waren im Gegensatz zu Marko und dessen Freundin von Beginn an 'kaputt'. So wie vieles andere in diesem Land, von dem wir kurz nach dem Krieg nur die ländliche Idylle zu sehen bekommen. Die letzten Tage des Krieges und den Sturz Milosevics hat Marko ja schließlich verschlafen. Die Kunst also als Abwehrmechanismus gegen Tod und Verderben? Nicht in Markos 'Filmen'. Keiner kann in diesem Land dem Krieg und seinen Folgen entkommen, nicht einmal die Landbevölkerung, die fernab der Zivilisation – so scheint es zumindest – ein eigenes Regime führt.

Es ist wahrlich kein schönes Bild des Nachkriegs-Serbiens, das Mladen Djordjevic mit Leben und Tod einer Pornobande zeichnet. Er, Jahrgang 1978, kennt sich aus, hat er doch einige Dokumentarfilme zum Krieg gedreht, die das Grauen noch deutlicher zeigen als sein fiktiver Film, der auf einigen wahren Begebenheiten beruht (denn die Pornobande und den Scharfschützen gab es wirklich). Leben und Tod einer Pornobande ist in seinem Nihilismus und seiner Subversion ein äußerst hartes, aber auch aufklärerisches Stück Polit-Kino, das nicht nur für Djordjevic eine Katharsis darstellen dürfte. Man ruft es sich immer wieder aufs Neue ins Gewissen: Dieser Krieg ist noch gar nicht so lange her und fand mitten in Europa statt. Eine Tatsache, die den Film nicht leichter zu ertragen macht, im Gegenteil, aber dennoch dabei hilft, zu verstehen, um was es Djordjevic eigentlich geht. "Und Thanatos gewinnt immer gegen Eros …" Am Ende schillert dann doch so etwas wie Hoffnung durch. Doch dafür bedarf es nicht nur neuer Künstler, sondern auch einer neuen Generation. (8/10)

Die Blu-ray des kleinen Labels Bildstörung (Amazon-Partnerlink), das sich auf Filme abseits des Mainstreams spezialisiert hat, ist natürlich nicht wirklich eine Blu-ray. Erstens handelt es sich lediglich um einen Upscale und zweitens wäre ein superscharfes Bild bei diesem Film auch äußerst kontraproduktiv. Ton (nur OmU) und Bild sind aber dennoch auf einem ordentlichen Niveau. Eigentliches Highlight der optisch schon sehr ansprechenden Blu-ray (Amaray im schönen Schuber) sind aber das Booklet und ihre Extras. So wünscht man sich eigentlich alle Veröffentlichungen solcher Filme, denn das 28-seitige Booklet ist randvoll mit Informationen und bietet u.a. schöne Essays von Jochen Werner und Steven Shaviro. Die Extras ergänzen den Film perfekt, finden sich hier doch Dokumente des Schreckens, nämlich Auszüge aus den Dokus Warriors und Ali Hamad's Story, die einmal mehr für Gänsehaut sorgen. Eine nahezu perfekte Veröffentlichung.


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